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literarische Einblicke

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Lars Gustafsson – Der Tod eines Bienenzüchters

Geschrieben von seitenansicht - 21. Mai 2009

gustafsson.doDer erste Satz
Das Sonnenlicht hatte die Schlucht noch nicht erreicht.

Inhalt
Der Tod eines Bienenzüchters
ist der letzte von fünf Teilen aus Risse in der Mauer, Gustafssons Zyklus aus den 70er Jahren, kann aber unabhängig von den Vorgängern geesen werden. Der Roman setzt sich zusammen aus Aufzeichnungen des ehemaligen Lehrers Lars Westin, der allein auf dem Land lebt und Bienen züchtet. Der Leser nimmt teil an seinem Alltag, erfährt Näheres zur Bienenzucht, folgt seinen Erinnerungen und allgemeinen Überlegungen zu Gesellschaft und Sprache und Schilderungen von Schmerzen. Denn Westin leidet an Krebs – vermutlich, denn den Brief mit den Laborergebnissen hat er ungelesen verbrannt, um sich einen Funken Hoffnung zu erhalten. Nach und nach überdenkt er sein bisheriges Leben, schöpft neue Kraft aus Vergangenem oder alltäglichen Geschehnissen. Und immer wieder schreibt er die Sätze “Wir fangen noch einmal an. Wir geben nicht auf.”. Thematisch bewegt er sich dabei immer weiter in eine nicht greifbare Richtung, weg vom Tagesgeschehen, hin zu philosophischen Überlegungen zum Ich.

Meine Meinung
Der Tod eines Bienenzüchters
ist eines dieser Bücher, in denen kaum etwas passiert und die trotzdem so fesselnd sind, dass man sie kaum aus der Hand legen möchte. Ich mag solche Bücher. Der Tonfall des Geschriebenen aber auch die Themen, die Gustafsson anschneidet, bieten Denkanstöße. Und auch wenn sich das Bildungs- und Gesundheitssystem Schwedens geändert haben, alles in allem könnte das Erzählte gerade eben erschienen sein statt vor über 30 Jahren. Auffällig ist die vorherrschende Distanziertheit. Zwar folgt man Westins schwankenden Stimmungen, erlebt seine Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, seinen Trotz und Lebenswillen. Doch obwohl man persönliche Aufzeichnungen liest wird es an keiner Stelle übermäßig dramatisch, nie hatte ich den Eindruck Westin müsse mir leid tun. Vielleicht kann man das unter “nordischer Kühle” ablegen. Oder es hängt mit dem philosophischen Ansatz zusammen, den Gustafsson verfolgt: “I tend to regard myself as a philosopher who has turned literature into one of his tools.” Bei Gelegenheit werde ich mir weitere Werke von Gustafsson besorgen, besonders natürlich die vorhergehenden Teile des Zyklus.

Der Autor
Lars Gustafsson wurde 1936 in Mittelschweden geboren. Der Lyriker, Philosoph und Romancier studierte in Uppsala, Oxford und Berlin. 1983 bis 2006 war er Professor für Germanistische Studien und Philosophie an der University of Texas in Austin/Texas. Seit Mai 2006 lebt er wieder in Schweden.

Lars Gustafsson – Der Tod eines Bienenzüchters
Aus dem Schwedischen von Verena Reichel
Süddeutsche Zeitung Bibliothek, 2007
166 Seiten

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Kenzaburō Ōe – Stolz der Toten

Geschrieben von seitenansicht - 3. April 2009

oeInhalt
Ein Romanistikstudent und eine Studentin der Anglistik nehmen für einen Tag einen etwas anderen Nebenjob an: sie lagern für die Medizinische Fakultät Leichen von einem Konservierungsbad in ein frisches um. Begleitet werden sie dabei von dem Verwalter der Pathologie.

Meine Meinung
Nachdem ich das Buch gelesen habe, brauchte ich erst eine Weile um es nachwirken zu lassen. Ich habe eindeutig mehr Zeit damit verbracht über das Buch nachzudenken als es zu lesen, und sicherlich wird es mich auch noch einige Zeit begleiten. Erstaunlich, wieviel Inhalt Ōe auf die wenigen Seiten der Erzählung bringt!
Es passiert zwar wenig, aber indem man den Gedanken des Studenten folgt und an Gesprächen teilnimmt, bringt Ōe den Leser selbst zum Nachdenken. Der Student sieht die Leichen erst als entseelte Gegenstände, setzt sich gedanklich aber immer mehr mit ihnen auseinander und gelangt an einem Punkt sogar zu der Frage, ob die Toten nicht eventuell die angenehmeren Zeitgenossen seien. Während des Lesens hatte ich verschiedene Gespräche im Hinterkopf, die ich mit Freunden geführt habe, die sich im Krankenhaus oder Rettungsdienst ähnliche Gedanken gemacht haben. Das macht das Ganze sehr viel greifbarer. Durch Ōes klare Sprache erscheinen die Gedanken nie philosophisch-abgehoben. Darüber hinaus beschreibt er mit wenigen Worten z. B. das Licht der Räumlichkeiten und deren besonderen Geruch und schafft dadurch eine sehr dichte Atmosphäre.

Eine zwar düstere, aber wirklich beeindruckende Leseerfahrung!

Der Autor
Kenzaburō Ōe, geboren 1935 auf der Insel Shikoku, studierte Romanistik an der Tokyo University. Abschluss mit einer Arbeit über Sartre. Ōe schrieb Essays, Geschichten und Romane. Mit 23 Jahren erhielt er den renommierten Akutagawa-Preis, es folgten zahlreiche weitere Auszeichungen – darunter 1994 der Nobelpreis für Literatur. Kenzaburō Ōe lebt in Tokyo.

Kenzaburō Ōe – Stolz der Toten
Aus dem Japanischen von Margarete Donath und Itsuko Gelbrich
Fischer Taschenbuch, 2006
78 Seiten

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José Saramago – Eine Zeit ohne Tod

Geschrieben von seitenansicht - 30. März 2009

saramagoKlappentext
Es ist der 1. Januar in einem nicht näher bezeichneten Land. Etwas, wofür es kein Beispiel in der Geschichte gibt, geschieht: An diesem Tag stirbt niemand. Und auch am folgenden Tag nicht, und am darauffolgenden. Selbst die Königinmutter, bei der es aussah, als würde sie den Jahreswechsel nicht mehr erleben, verharrt im Sterben. Der Tod streikt, so eine Reporterin. Die Regierung scheint entschlossen, den sich anbahnenden demographischen Problemen die Stirn zu bieten; die katholische Kirche ist in ihren Grundfesten erschüttert, denn ohne Tod keine Auferstehung. Die Gesellschaft spaltet sich: einerseits die Hoffnung, ewig zu leben, andererseits der Schrecken, nie zu sterben. Eines Tages findet der Direktor des nationalen Fernsehens einen Brief auf dem Tisch (der Umschlag ist violett, offenbar von einer Frau beschriftet), von dessen Inhalt er umgehend den Ministerpräsidenten in Kenntnis setzt…

Der erste Satz
Am darauffolgenden Tag starb niemand.

Meine Meinung
Saramago gehört zu meinen Lieblingsschriftstellern, und auch dieses Mal hat er mich nicht enttäuscht. Was wäre, wenn niemand mehr sterben würde? Dieser Frage geht Saramago nach, er folgt der anfänglichen Euphorie, der einsetzenden Ernüchterung, den Diskussionen in Politik, Kirche und Gesellschaft. Er zeigt, dass die Wirtschaft, allen voran Bestattungs- und Versicherungsunternehmen sowie die Mafia, erfinderisch mit der neuen Situation umgeht, Krankenhäuser und Pflegeheime hingegen vor ungeahnten Problemen stehen. Und als dann der Tod – oder besser: die tod, denn der portugiesische Tod ist eine Frau und nur einer unter vielen - zurückkehrt scheint das Chaos perfekt zu sein.
Trotz des gewohnt eigenen Stils mit langen, verschachtelten Sätzen und ohne Redezeichen ist Eine Zeit ohen Tod sehr flüssig lesbar. Das Thema ist gewohnt sozialkritisch, aber dadurch noch lange nicht gewöhnlich. Saramago beginnt nicht nur mit einer absurden Idee, er schafft es auch immer wieder Wendungen einzubauen, mit denen man nicht rechnet. Über lange Strecken kommt der Roman ohne Protagonisten aus, erst im letzten Drittel ändert sich das, ohne mir vorher negativ aufzufallen. Zwar fokussiert Saramago in einzelnen Episoden auf bestimmte Personen, im Wesentlichen dreht sich die Handung aber um Gruppen, aus denen einzelne Redner herausstechen. Die abstrakte Situation wird aufgelockert duch Einzelschicksale, die Saramago sich als Erzähler durchaus erlaubt zu kommentieren. Zu guter Letzt liefert uns Saramago eine offene Geschichte. Nicht nur das Ende bleibt offen, auch innerhalb der Erzählung gibt es Stränge, die ins Leere laufen. Doch gerade das passt zu der Ratlosigkeit, die angesichts der neuen Situation herrscht, zu dem Zustand zwischen Freudentaumel und Entsetzen.

Ein einfach wunderbares Buch.

Der Autor
José Saramago wurde 1922 im portugiesischen Ribatejo als Sohn einer Landarbeiterfamilie geboren. Ursprünglich gelernter Maschinenschlosser knüpfte er ab 1955 literarische Kontakte. Ab 1968 wurde er verstärkt politisch tätig und trat 1969 in die (verbotene) kommunistische Partei ein. Er arbeitete als Journalist und Übersetzer, seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Neben zahlreichen Auszeichnungen erhielt er 1998 den Nobelpreis für Literatur, seine Werke sind in 26 Sprachen übersetzt. José Saramago lebt heute auf Lanzarote.

José Saramago – Eine Zeit ohne Tod
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
Rowohlt, 2007
256 Seiten

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