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literarische Einblicke

Mit ‘Selbstfindung’ getaggte Artikel

Andrew Sean Greer – Die Nacht des Lichts

Geschrieben von seitenansicht - 29. November 2009

Der erste Satz
Der Himmel hielt immer Wort.

Klappentext
Auf einer Insel im Südpazifik trifft sich 1965 eine Gruppe kalifornischer Astronomen, um einen Kometen zu beobachten. Das Gestirn streicht vorbei, ein Junge stirbt – ein Erlebnis, das sie nicht mehr loslassen wird. Von nun an treffen sie sich alle sechs Jahre, um den Kometen zu beobachten und ihr Leben neu zu vermessen.

Meine Meinung
Den zahlreichen überschwänglichen Rezensionen, die man im Netz findet, mag ich mich nicht anschließen, denn ein absolutes Highlight war das Buch für mich nicht, schlecht fand ich es aber auch nicht. Die meiste Zeit habe ich mich gefragt, wohin mich Greer führen möchte – ich habe mich ähnlich orientierungslos gefühlt wie die Protagonisten. Und von denen gibt es einige, da der Autor die Leben einer Gruppe von Menschen verfolgt, die durch die Betrachtung eines Kometen verbunden sind. Es gibt den renommierten Astronomen, der den Kometen entdeckt hat, seinen verzweifelten Kollegen, seine aufstrebenden Studenten, seine junge, unwissende Tochter, und andere aus deren Dunstkreis. Diese Menschen sind nicht nur durch den Kometen sondern auch den Tod eines Jungen miteinander verbunden, und im Laufe des Buches werden sie älter, erwachsen, erfolgreich, verzweifelt, desillusioniert und ihre Beziehungen zueinander verändern sich – sie leben. Greer fächert diese Leben vor dem Leser auf, indem er sie von 1965 bis 1990 alle sechs Jahre “besucht”. Er spielt mit den Perspektiven, mit Rückblicken und Momentaufnahmen. Dabei wachsen einem manche Protagonisten ans Herz, andere eben nicht.
Besonders gut hat mir gefallen wie sich die Einzelnen Gedanken über ihr Leben machen und dabei die Anschauung variiert wird, dass ein Leben aus mehreren Leben besteht bzw. bestehen sollte. Kathy, Frau eines viel versprechenden Astronomen, “wechselt” von einem Leben in ein anderes indem sie ihren Beruf bzw. ihre Berufung wechselt. Denise, Astronomin, blickt auf die nicht genutzten Chancen zurück und überlegt verzweifelt, welche Leben sie hätte führen können. Und Lydia empfindet sich als Heranwachsende bereits als ein “Produkt” des Teams von Mädchen, die sie schon gewesen ist. Auffällig ist hierbei meines Erachtens, dass diese Überlegungen nur von Frauen geführt werden. Die Männer spiegeln diese Überlegungen in ihrem Handeln, reflektieren sie aber nicht selbstständig. Auch wenn sie komplexe Personen im Geschehen darstellen, funktionieren sie bei diesem Aspekt anscheinend nur als Beiwerk der weiblichen Innenwelten.
Anfänglich fand ich den Roman etwas schleppend, obwohl er natürlich mit den Ereignissen beginnt, die immer wieder aufgearbeitet werden – der ersten Kometenbeobachtung und dem Tod eines Jungen. Nachdem die Protagonisten eingeführt waren legte sich das, allerdings schwächelt das Buch gegen Ende wieder etwas. Greers Schreibe ist solide (aber leider schlecht lektoriert), und offenbart einige Perlen.

Der Autor
Der Amerikaner Andrew Sean Greer veröffentlichte anfangs Erzählungen in verschiedenen Zeitschriften, 1996 wurde eine davon mit dem Ploughshares’s Cohen Award for Best Short Story ausgezeichnet. “Die Nacht des Lichts” war sein Debütroman, mit seinem zweiten Werk »Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli« gelang ihm der internationale Durchbruch. Der Autor lebt in San Francisco.

Andrew Sean Greer – Die Nacht des Lichts
aus dem Amerikanischen von Uda Strätling
Fischer Taschenbuch,  2005
352 Seiten

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Chico Buarque – Budapest

Geschrieben von seitenansicht - 3. August 2009

budapestInhalt
Der Brasilianer José Costa ist anonymer Schriftsteller, ein Ghostwriter. Er genießt es, sich hinter fremden Namen verstecken zu können, und dennoch literarische Meisterwerke zu verfassen. Seine Berufung ist es, Fremden ihren Stil, ihre Meinung und sogar ihre Lebensgeschichte zu kreieren. Während einer Reise führt ihn eine ungeplante Zwischenlandung nach Budapest, wo er, einer Gewohnheit folgend, etwas von der Sprache aufschnappen möchte und seine Leidenschaft für’s Magyarische entdeckt – und bald auch für seine Lehrerin, die er durch Zufall kennenlernt. Von da an führt er ein Leben zwischen Rio de Janeiro und Budapest, entwurzelt, auf der Suche nach seiner Identität. In Rio ist er erfolgreicher Ghostwriter, mit einer berühmten Fernsehsprecherin zur Frau, einem Sohn und einem kulturell-geprägten Leben. In Budapest ist er der Fremde, der eine Sprachbarriere überwinden und Fuß fassen muss.

Meine Meinung
Was José Costa tut, das tut er konsequent, aber auch ohne es erklären oder hinterfragen zu wollen. Abseits seines Schreibens erscheint sein Leben lediglich vorüberzuziehen, mit traumgleicher Absolutheit, manchmal verwirrenden und gar phantastisch. Die Erzählung verläuft abseits gewöhnlicher Pfade, und trotzdem schafft Buarque es, auch am Schluss nochmal zu überraschen.

Die Geschichte entfaltet sich mit verschiedenen Wendungen und Rückbezügen, Realität und Fiktion werden verwoben, Buarque inszeniert ein Verwirrspiel. Schon kurz nach dem Lesen war ich mir im Rückblick nicht sicher, ob manche Zusammenhänge tatsächlich so waren, wie ich sie erinnere. Dabei gebraucht er eine schöne, schlichte Sprache, in die er wohl dosierte Bilder einfließen lässt. Das Buch lebt von seinen genauen Beobachtungen, besonders von Sprache, Exil oder Liebe. Reizvoll ist auch das Hinterfragen der Identität sowie der Authentizität eines Schriftstellers. Genau diese zweite Ebene macht das Leseerlebnis interessant, die eigentlich Handlung ist für mich nur zweitrangig.

Der Autor
Chico Buarque wurde 1944 in Rio de Janeiro geboren. Sein Architekturstudium brach er ab und wurde statt dessen der bekannteste Sänger Brasiliens. 1991 veröffentlichte er seinen ersten Roman Estorvo, 1995 folgte Benjamin, und im selben Jahr Budapest.

Chico Buarque – Budapest
Aus dem brasilianischen Portugiesischen von Karin Schweder-Schreiner
S. Fischer, 2006
207 Seiten

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Marie Hermanson – Die Schmetterlingsfrau

Geschrieben von seitenansicht - 15. März 2009

Klappentext
Verheiratete Männer machen immer irgendwann Schluß. Nur zu diesem Zeitpunkt hatte sie damit nicht gerechnet. Anna, Mitte Dreißig, unabhängig, beruflich erfolgreich, ist gerade von ihrem Liebhaber verlassen worden. Sie bucht eine Reise nach Borneo, um in der Hitze des Dschungels Roger zu vergessen, und tatsächlich bringt ein Ausflug in den Urwald sie auf andere Gedanken – ein rätselhaftes Zucken, ein unbekanntes Gefühl im linken Bein lenken all ihre Aufmerksamkeit auf sich. Zurück in Schweden, läßt Anna ihr »Reisesouvenir« untersuchen. Dabei gerät sie an den Tropenspezialisten und Insektenforscher Willof. Und dieser ist begeistert: Eine seltene Schmetterlingsart hat sich Anna als Wirtstier ausgesucht und in ihrem Oberschenkel drei Schmetterlingspuppen plaziert. Willof überredet die Auserwählte, in sein Schmetterlingshaus zu ziehen und dort die Puppen in ihrem Bein bis zum Schlüpfen zu tragen. Für Anna eine leichte Entscheidung; sie quartiert sich im Glashaus ein, wo sich bald ihre Erinnerungen an Vergangenes wie von selbst mit der Gegenwart verweben. Und die vermeintliche Oase? Entwickelt sich binnen kurzem zu einem Ort merkwürdigster Vorgänge.

Der erste Satz
Ich bin siebenunddreißig Jahre alt. Ich habe keinen Mann. Keine Kinder. Keine Katze. Aber ich habe drei Schmetterlingspuppen im linken Oberschenkel.

Meine Meinung
Anfangs fragte ich mich, wo der tiefere Bezug zu Schmetterlingen steckt. Denn nachdem die Vorgeschichte mit der Reise nach Borneo erzählt ist, die auch der Klappentext verrät, driftet die Geschichte ab und setzt sich aus Erinnerungen Annas zusammen. In ihrer Einsamkeit regen sie Details ihrer Umgebung dazu an, über ihr bisheriges Leben nachzudenken. Dem Leser werden Erinnerungen, Episoden und Bruchstücke präsentiert, die sich nach und nach zusammenfügen, und irgenwann ergibt sich auch der große Zusammenhang. Anna führt ihr Leben selbst zurückgezogen, wie in einem Kokon, isoliert von der Außenwelt und unbewußt darauf wartend, dass etwas passiert. Parallel zu den Schmetterlingslarven in ihrem Schenkel durchläuft sie eine Entwicklung indem sie sich selbst findet. Die Geschichte, die schon ihren Ursprung in einem nicht-alltäglichen Zufall hatte, driftet fast ins Surreale ab. Hermanson hat dabei einen überaus angenehmen Erzählstil, und obwohl ich nach ungefähr dem ersten Drittel nicht mehr ganz so interessiert weitergelesen habe, steigert sich die Handlung im Verlauf wieder deutlich. Sollte mir ein weiteres Buch der Autorin zwischen die Finger geraten bin ich sicher nicht abgeneigt.

Die Autorin
Marie Hermanson wurde 1956 geboren. Sie wohnt zusammen mit ihrem Mann und zwei Kindern in Göteborg. Sie besuchte eine Journalistenhochschule und studierte Literaturwissenschaft und Soziologie. Neben dem Studium arbeitete sie als Pflegerin in einer psychiatrischen Klinik. Sie arbeitete als Journalistin bei verschiedenen Tageszeitungen, ihre Bücher sind in zwölf Sprachen übersetzt worden.

Wenn ich in der Schule einen anderen Zeichenlehrer gehabt hätte, einen, der mich geschätzt und gefördert hätte, dann wäre ich vermutlich jahrelang auf eine Kunstschule gegangen und hätte riesige Studienschulden. Ich würde empfindsam und begabt malen und nie etwas verkaufen. Ich würde mich mit Stipendien durchschlagen und hätte weniger Geld als eine Putzfrau. Jetzt zeichne ich zottige Silbermöwen auf Müllhalden und lebe ganz gut von dem, was ich verdiene. (S. 159)

Der Fehler mit den Männern, die ich gekannt habe, war, dass sie nie mit dem Schnabel klapperten.
Konrad Lorenz beschreibt ein Storchenpaar, bei dem das Weibchen ein Weißstorch und das Männchen ein Schwarzstorch ist. Sie gehörten also fast zur gleichen Art, aber nicht ganz. Das Verhalten des weißen und des schwarzen Storchs ist im großen ganzen gleich [...]. Abgesehen von täglich einigen Augenblicken, wenn sie sich am Nest begrüßten.[...]
Jedes Mal, wenn das Männchen zum Nest zurückkehrte und das Weibchen begrüßen wollte, kam es zur Krise. Das Weibchen klapperte und erwartete natürlich, das gleiche Klappern als Antwort zu erhalten, aber wenn sie nur ein Zischen bekam geriet sie außer sich vor Wut und Enttäuschung. Das kann man sich gut vorstellen. Immer wieder klappert sie, immer wieder hofft sie auf ein Antwortklappern, ein Klappern, das nie kommt. Dieses ausbleibende Klappern ist die Tragödie ihres Lebens. Sie wird es nie zu hören bekommen. (S. 194f)

Marie Hermanson – Die Schmetterlingsfrau
Aus dem Schwedischen von Regine Elsässer
Suhrkamp, 2002
243 Seiten

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