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literarische Einblicke

Mit ‘Nobelpreis’ getaggte Artikel

José Saramago – Das Zentrum

Geschrieben von seitenansicht - 2. Mai 2009

zentrum1Der erste Satz
Der Mann, der den Lastwagen fährt, heißt Cipriano Algor, ist Töpfer von Beruf und vierundsechzig Jahre alt, obgleich er nicht so alt wirkt.

Klappentext
Der alte Cipriano Algor betreibt mit seiner Tochter Marta in einem portugiesischen Dorf eine kleine Töpferei. Seine Teller, Tassen und Krüge verkauft er an ein hypermodernes Einkaufszentrum in der Stadt. Eines Tages wird ihm an der Laderampe lakonisch mitgeteilt, dass Plastik viel besser sei als Ton und dass man künftig auf seine Dienste verzichten könne. Der Markt will es so.
Doch der Markt hat seine Rechnung ohne Cipriano gemacht. Der weise Alte wehrt sich, kämpft, stellt in Frage und lernt, dass es nie zu spät ist, zu Neuem aufzubrechen. Er hat eine geniale Idee, um die modernen Zeiten auf der Überholspur einzuholen. Bei deren Umsetzung helfen ihm die reizvolle Witwe Isaura, sein pfiffiger Schwiegersohn Marçal, der beim Sicherheitsdienst des Einkaufszentrums Karriere macht, und ein zugelaufener Hund. Doch der Mensch, sagt Platon, sieht nie die Dinge selbst, sondern stets nur ihre Schatten. Als Cipriano unter dem Einkaufszentrum, wo Bagger die Erde für eine neue Kühlanlage ausheben, eine Höhle entdeckt, betreten wir “Saramagos Terrain der großen Geheimnisse, der wahren Mirakel, die resistent sind gegen Deutung, Aufschluss, Klärung” (Frankfurter Rundschau).

Meine Meinung
Das Zentrum ist ein wunderbares Buch – nicht wegen seiner Geschichte, die bestimmt auf weniger Seiten erzählt werden könnte. Vielmehr beeindruckt haben mich die Personen und ihre Gedanken sowie die Einschübe, die sich Saramago immer wieder erlaubt. Jemand hat das Erzähltempo mit einem mächtigen Strom verglichen, was ich sehr passend finde, besonders, weil immer neue Gedanken der Erzählung den Charakter eines sich windenden Flusses geben. Dieser tolle Stil hat leider den Nachteil, dass Das Zentrum kein Buch für Zwischendurch ist. Sobald ich nicht mindestens eine halbe Stunde Ruhe hatte, um mich mit dem Buch zurückzuziehen, habe ich es meist gar nicht erst in die Hand genommen. Wenn ich allerdings meine Ruhe hatte, blieb es oft nicht bei einer halben Stunde… So gesehen also ein schöner Grund, mal wieder das Telefon auszustöpseln.

Der Autor
José Saramago wurde 1922 im portugiesischen Ribatejo als Sohn einer Landarbeiterfamilie geboren. Ursprünglich gelernter Maschinenschlosser knüpfte er ab 1955 literarische Kontakte. Ab 1968 wurde er verstärkt politisch tätig und trat 1969 in die (verbotene) kommunistische Partei ein. Er arbeitete als Journalist und Übersetzer, seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Neben zahlreichen Auszeichnungen erhielt er 1998 den Nobelpreis für Literatur, seine Werke sind in 26 Sprachen übersetzt. José Saramago lebt heute auf Lanzarote.

José Saramago – Das Zentrum
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
rowohlt, 2000
396 Seiten

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Kenzaburō Ōe – Stolz der Toten

Geschrieben von seitenansicht - 3. April 2009

oeInhalt
Ein Romanistikstudent und eine Studentin der Anglistik nehmen für einen Tag einen etwas anderen Nebenjob an: sie lagern für die Medizinische Fakultät Leichen von einem Konservierungsbad in ein frisches um. Begleitet werden sie dabei von dem Verwalter der Pathologie.

Meine Meinung
Nachdem ich das Buch gelesen habe, brauchte ich erst eine Weile um es nachwirken zu lassen. Ich habe eindeutig mehr Zeit damit verbracht über das Buch nachzudenken als es zu lesen, und sicherlich wird es mich auch noch einige Zeit begleiten. Erstaunlich, wieviel Inhalt Ōe auf die wenigen Seiten der Erzählung bringt!
Es passiert zwar wenig, aber indem man den Gedanken des Studenten folgt und an Gesprächen teilnimmt, bringt Ōe den Leser selbst zum Nachdenken. Der Student sieht die Leichen erst als entseelte Gegenstände, setzt sich gedanklich aber immer mehr mit ihnen auseinander und gelangt an einem Punkt sogar zu der Frage, ob die Toten nicht eventuell die angenehmeren Zeitgenossen seien. Während des Lesens hatte ich verschiedene Gespräche im Hinterkopf, die ich mit Freunden geführt habe, die sich im Krankenhaus oder Rettungsdienst ähnliche Gedanken gemacht haben. Das macht das Ganze sehr viel greifbarer. Durch Ōes klare Sprache erscheinen die Gedanken nie philosophisch-abgehoben. Darüber hinaus beschreibt er mit wenigen Worten z. B. das Licht der Räumlichkeiten und deren besonderen Geruch und schafft dadurch eine sehr dichte Atmosphäre.

Eine zwar düstere, aber wirklich beeindruckende Leseerfahrung!

Der Autor
Kenzaburō Ōe, geboren 1935 auf der Insel Shikoku, studierte Romanistik an der Tokyo University. Abschluss mit einer Arbeit über Sartre. Ōe schrieb Essays, Geschichten und Romane. Mit 23 Jahren erhielt er den renommierten Akutagawa-Preis, es folgten zahlreiche weitere Auszeichungen – darunter 1994 der Nobelpreis für Literatur. Kenzaburō Ōe lebt in Tokyo.

Kenzaburō Ōe – Stolz der Toten
Aus dem Japanischen von Margarete Donath und Itsuko Gelbrich
Fischer Taschenbuch, 2006
78 Seiten

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José Saramago – Eine Zeit ohne Tod

Geschrieben von seitenansicht - 30. März 2009

saramagoKlappentext
Es ist der 1. Januar in einem nicht näher bezeichneten Land. Etwas, wofür es kein Beispiel in der Geschichte gibt, geschieht: An diesem Tag stirbt niemand. Und auch am folgenden Tag nicht, und am darauffolgenden. Selbst die Königinmutter, bei der es aussah, als würde sie den Jahreswechsel nicht mehr erleben, verharrt im Sterben. Der Tod streikt, so eine Reporterin. Die Regierung scheint entschlossen, den sich anbahnenden demographischen Problemen die Stirn zu bieten; die katholische Kirche ist in ihren Grundfesten erschüttert, denn ohne Tod keine Auferstehung. Die Gesellschaft spaltet sich: einerseits die Hoffnung, ewig zu leben, andererseits der Schrecken, nie zu sterben. Eines Tages findet der Direktor des nationalen Fernsehens einen Brief auf dem Tisch (der Umschlag ist violett, offenbar von einer Frau beschriftet), von dessen Inhalt er umgehend den Ministerpräsidenten in Kenntnis setzt…

Der erste Satz
Am darauffolgenden Tag starb niemand.

Meine Meinung
Saramago gehört zu meinen Lieblingsschriftstellern, und auch dieses Mal hat er mich nicht enttäuscht. Was wäre, wenn niemand mehr sterben würde? Dieser Frage geht Saramago nach, er folgt der anfänglichen Euphorie, der einsetzenden Ernüchterung, den Diskussionen in Politik, Kirche und Gesellschaft. Er zeigt, dass die Wirtschaft, allen voran Bestattungs- und Versicherungsunternehmen sowie die Mafia, erfinderisch mit der neuen Situation umgeht, Krankenhäuser und Pflegeheime hingegen vor ungeahnten Problemen stehen. Und als dann der Tod – oder besser: die tod, denn der portugiesische Tod ist eine Frau und nur einer unter vielen - zurückkehrt scheint das Chaos perfekt zu sein.
Trotz des gewohnt eigenen Stils mit langen, verschachtelten Sätzen und ohne Redezeichen ist Eine Zeit ohen Tod sehr flüssig lesbar. Das Thema ist gewohnt sozialkritisch, aber dadurch noch lange nicht gewöhnlich. Saramago beginnt nicht nur mit einer absurden Idee, er schafft es auch immer wieder Wendungen einzubauen, mit denen man nicht rechnet. Über lange Strecken kommt der Roman ohne Protagonisten aus, erst im letzten Drittel ändert sich das, ohne mir vorher negativ aufzufallen. Zwar fokussiert Saramago in einzelnen Episoden auf bestimmte Personen, im Wesentlichen dreht sich die Handung aber um Gruppen, aus denen einzelne Redner herausstechen. Die abstrakte Situation wird aufgelockert duch Einzelschicksale, die Saramago sich als Erzähler durchaus erlaubt zu kommentieren. Zu guter Letzt liefert uns Saramago eine offene Geschichte. Nicht nur das Ende bleibt offen, auch innerhalb der Erzählung gibt es Stränge, die ins Leere laufen. Doch gerade das passt zu der Ratlosigkeit, die angesichts der neuen Situation herrscht, zu dem Zustand zwischen Freudentaumel und Entsetzen.

Ein einfach wunderbares Buch.

Der Autor
José Saramago wurde 1922 im portugiesischen Ribatejo als Sohn einer Landarbeiterfamilie geboren. Ursprünglich gelernter Maschinenschlosser knüpfte er ab 1955 literarische Kontakte. Ab 1968 wurde er verstärkt politisch tätig und trat 1969 in die (verbotene) kommunistische Partei ein. Er arbeitete als Journalist und Übersetzer, seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Neben zahlreichen Auszeichnungen erhielt er 1998 den Nobelpreis für Literatur, seine Werke sind in 26 Sprachen übersetzt. José Saramago lebt heute auf Lanzarote.

José Saramago – Eine Zeit ohne Tod
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
Rowohlt, 2007
256 Seiten

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Elias Canetti – Die Stimmen von Marrakesch

Geschrieben von seitenansicht - 20. März 2009

canettiKlappentext
Marrakesch – eine Stadt mit einem Namen wie eine Verheißung. Das singende Stimmengewirr der farbenprächtigen Märkte, orientalische Gerüche, Kameltreiber, Straßenverkäufer, aber auch Bettler und Blinde – all das findet Elias Canetti auf seiner Reise in die fremdartige, faszinierende Stadt. Dabei begleitet er in den Fünfzigerjahren eher aus Zufall ein Filmteam in diese Welt, die märchenhaft und rätselhaft zugleich wirkt. Er kehrt zurück nach London, doch die Erinnerung lässt ihn nicht mehr los. Schließlich beginnt er, in kurzen literarischen Skizzen die rätselhafte Stadt in ihrer ganzen Sinnlichkeit und Lebendigkeit zu beschwören. So erwachen vor dem Auge des Lesers die arabischen und jüdischen Viertel, die Kamelmärkte, die feilschenden Händler und die Prostituierten gleichsam zu neuem Leben.
Canettis Aufzeichnungen “Die Stimmen von Marrakesch” (1968) sind kein Reisebericht im traditionellen Sinn. Vielmehr sind sie literarische Momentaufnahmen, die in immer neuen Versuchen den flüchtigen Charme Marrakeschs einfangen und am Ende ebenso viel über den bezauberten Schriftsteller verraten wie über die Stadt, die ihn in ihren Bann gezogen hat.

Der erste Satz
Dreimal kam ich mit Kamelen in Berührung, und es endete immer auf tragische Weise.

Meine Meinung
Im Klappentext steht treffend, Canetti beginne “in kurzen literarischen Skizzen die rätselhafte Stadt in ihrer ganzen Sinnlichkeit und Lebendigkeit zu beschwören”. Er bietet dem Leser in der Tat keine Schilderung spannender Begebenheiten sondern Einblicke in sein Bild der Stadt. Er teilt Momentaufnahmen, die er eingefangen hat, und gibt die Atmosphäre von Marrakesch in den Fünfzigern wieder. Dabei zeigt sich sein Können besonders darin, mit wenigen Worten viel Stimmung zu vermitteln. Er weiß, was es wert ist berichtet zu werden, und welche Gedanken er mit dem Leser teilen kann. Dadurch erhalten die Texte wiederum eine sehr persönliche Note, die über den Charakter eines Reiseberichts hinaus geht.

In verschieden umfangreichen Texten, die für sich abgeschlossen sind, führt Canetti den Leser durch die Straßen der Stadt und über ihre Märkte. Er richtet den Blick mal auf die Bettler, mal auf die Händler, mal auf die Fremden, die einen Teil des bunten Stadtbildes ausmachen. Den Mittelpunkt stellt für mich sein erster Besuch im jüdischen Viertel, der Mellah, dar, besonders eindrucksvoll ist seine Beschreibung des jüdischen Friedhofs.

Da mir Sprache und Stimmung des Büchleins so gut gefallen, werde ich bestimmt immer mal wieder reinlesen.

Der Autor
Elias Canetti (1904-1994) wurde im bulgarischen Rustschuk als Sohn sephardischer Eltern geboren. Er lebte in Manchester, Zürich und Frankfurt am Main und studierte in Wien Chemie bis zur Promotion 1929, nach dem Studium arbeitete Canetti als Übersetzer. Er machte die Bekanntschaft zahlreicher Schriftsteller und Künstler. Sein erster Roman, “Die Blendung”, erschien 1935. 1938 verließ Canetti mit seiner Frau Wien, um sich nach einem Zwischenaufenthalt in Paris in London niederzulassen. Erst allmählich wurde Canetti als Schriftsteller bekannt. 1972 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, doch galt er noch bis zu seiner Auszeichnung mit dem Nobelpreis 1981 als Geheimtipp innerhalb der deutschen Literatur.

Elias Canetti – Die Stimmen von Marrakesch
Süddeutsche Zeitung Bibliothek, 2004
117 Seiten

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