Der erste Satz
Der Mann, der den Lastwagen fährt, heißt Cipriano Algor, ist Töpfer von Beruf und vierundsechzig Jahre alt, obgleich er nicht so alt wirkt.
Klappentext
Der alte Cipriano Algor betreibt mit seiner Tochter Marta in einem portugiesischen Dorf eine kleine Töpferei. Seine Teller, Tassen und Krüge verkauft er an ein hypermodernes Einkaufszentrum in der Stadt. Eines Tages wird ihm an der Laderampe lakonisch mitgeteilt, dass Plastik viel besser sei als Ton und dass man künftig auf seine Dienste verzichten könne. Der Markt will es so.
Doch der Markt hat seine Rechnung ohne Cipriano gemacht. Der weise Alte wehrt sich, kämpft, stellt in Frage und lernt, dass es nie zu spät ist, zu Neuem aufzubrechen. Er hat eine geniale Idee, um die modernen Zeiten auf der Überholspur einzuholen. Bei deren Umsetzung helfen ihm die reizvolle Witwe Isaura, sein pfiffiger Schwiegersohn Marçal, der beim Sicherheitsdienst des Einkaufszentrums Karriere macht, und ein zugelaufener Hund. Doch der Mensch, sagt Platon, sieht nie die Dinge selbst, sondern stets nur ihre Schatten. Als Cipriano unter dem Einkaufszentrum, wo Bagger die Erde für eine neue Kühlanlage ausheben, eine Höhle entdeckt, betreten wir “Saramagos Terrain der großen Geheimnisse, der wahren Mirakel, die resistent sind gegen Deutung, Aufschluss, Klärung” (Frankfurter Rundschau).
Meine Meinung
Das Zentrum ist ein wunderbares Buch – nicht wegen seiner Geschichte, die bestimmt auf weniger Seiten erzählt werden könnte. Vielmehr beeindruckt haben mich die Personen und ihre Gedanken sowie die Einschübe, die sich Saramago immer wieder erlaubt. Jemand hat das Erzähltempo mit einem mächtigen Strom verglichen, was ich sehr passend finde, besonders, weil immer neue Gedanken der Erzählung den Charakter eines sich windenden Flusses geben. Dieser tolle Stil hat leider den Nachteil, dass Das Zentrum kein Buch für Zwischendurch ist. Sobald ich nicht mindestens eine halbe Stunde Ruhe hatte, um mich mit dem Buch zurückzuziehen, habe ich es meist gar nicht erst in die Hand genommen. Wenn ich allerdings meine Ruhe hatte, blieb es oft nicht bei einer halben Stunde… So gesehen also ein schöner Grund, mal wieder das Telefon auszustöpseln.
Der Autor
José Saramago wurde 1922 im portugiesischen Ribatejo als Sohn einer Landarbeiterfamilie geboren. Ursprünglich gelernter Maschinenschlosser knüpfte er ab 1955 literarische Kontakte. Ab 1968 wurde er verstärkt politisch tätig und trat 1969 in die (verbotene) kommunistische Partei ein. Er arbeitete als Journalist und Übersetzer, seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Neben zahlreichen Auszeichnungen erhielt er 1998 den Nobelpreis für Literatur, seine Werke sind in 26 Sprachen übersetzt. José Saramago lebt heute auf Lanzarote.
José Saramago – Das Zentrum
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
rowohlt, 2000
396 Seiten


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