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literarische Einblicke

Mit ‘Japan’ getaggte Artikel

Haruki Murakami – Afterdark

Geschrieben von seitenansicht - 5. September 2009

afterdarkDer erste Satz
Vor uns liegt eine Großstadt.

Inhalt
Das nächtliche Tokyo zwischen Mitternacht und Morgengrauen. Wir beobachten Mari, die lesend im Restaurant Denny’s sitzt. Sie wird von einem unscheinbaren jungen Mann angesprochen, Takahashi, den sie durch ihre Schwester flüchtig kennt, und in ein Gespräch verwickelt. Durch ihn lernt Mari auch Kaoru kennen, die Geschäftsleiterin des Love Hotels Alphaville, die von Takahashi erfahren hat, dass Mari Chinesisch spricht. Sie bittet das Mädchen um Hilfe, weil eine chinesische Prostituierte von einem Freier zusammengeschlagen wurde. Auch dieser Freier streift durch die nächtliche Stadt. Währenddessen lenkt Murakami den Blick immer wieder auf Maris Schwester, Eri, in ihrem tiefen Schlaf. Im Morgengrauen verläuft sich die Handlung, es gibt keinen wirklichen Endpunkt. Mit Sonnenaufgang wird dem Leser jeder weitere Blick auf die Protagonisten verwehrt.

Meine Meinung
Von Beginn an schafft Murakami es die Atmosphäre der schlafenden Stadt heraufzubeschwören, die nur noch von wenigen Nachtschwärmern bevölkert ist. Er führt den Blick des Lesers durch die Straßenschluchten in das Restaurant, um von dort beginnend die Geschichte auszubreiten. Es geschieht wenig, das Buch lebt eher von den Gesprächen der Protagonisten und den so gegebenen Einblicken in ihr Inneres. Nichts ist zufällig, alles hat eine tiefere Bedeutung – vom Titel des Romans über die im Hintergund gespielte Musik bis hin zum Namen des Love Hotels. Und immer wieder blitzen die Abgründe des menschlichen Gesellschaft durch.
Während Murakami im Erzählstrang um die schlafende Eri schreibt “unser Blick ist zum Auge einer schwebenden Kamera geworden”, er also den Leser aktiv einbezieht, hält er ihn im anderen Erzählstrang auf Distanz. Der Leser erfährt über die Protagonisten nur das, was sie durch Äußerungen, Gestik und Mimik von sich preisgeben möchten. Tatsächlich ist man ganz Beobachter, ebenfalls ein Zuschauer, der ganz auf die Kamera angewiesen ist, aber ohne Kommentierung durch den Autor. Dass einem durch Murakamis geschickte “Kameraführung” sehr viele Details ins Auge fallen und man daher gut auf das Innenleben der Personen schließen kann, das muss eigentlich nicht extra erwähnt werden.
Hinzu kommt das Geheimnisvoll-Surreale, das bis zum Ende nicht aufgeklärt wird und der Handlung etwas Magisches verleiht. Man muss sich darauf einlassen können, darf keine Erklärung einfordern für Spiegelbilder, die ein Eigenleben entwickeln, oder traumähnliche Realitäten. Dann erst entfaltet sich auch der ganze Zauber Murakamis.

Der Autor
Haruki Murakami wurde 1949 in Kyoto geboren. Er besaß sieben Jahre lang eine Jazz-Bar, bevor er zu Schreiben begann, und lehrte vier Jahre lang an der University of Princeton. Nach dem großen Erdbeben in Hanshin und der Giftgasattacke in der U-Bahn von Tokyo kehrte er nach Japan zurück und befasste sich näher mit diesen beiden Katastrophen, u.a. veröffentlchte er zwei Bücher mit Augenzeugenberichten. Für seine Romane und Kurzgeschichten erhielt er zahlreiche Auszeichnungen.

So etwas wie eine Mauer, die verschiedene Welten trennt, gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Und wenn doch, dann ist sie wahrscheinlich aus dünnem Papiermaché. Wenn man sich plötzlich dagegenlehnt, bricht man möglicherweise durch und landet auf der anderen Seite. Vielleicht merken wir bloß nicht, dass sich die andere Seite schon in unser Inneres hineingestohlen hat… (S. 118)

Haruki Murakami – Afterdark
aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
btb Verlag, 2007
237 Seiten

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Kenzaburō Ōe – Stolz der Toten

Geschrieben von seitenansicht - 3. April 2009

oeInhalt
Ein Romanistikstudent und eine Studentin der Anglistik nehmen für einen Tag einen etwas anderen Nebenjob an: sie lagern für die Medizinische Fakultät Leichen von einem Konservierungsbad in ein frisches um. Begleitet werden sie dabei von dem Verwalter der Pathologie.

Meine Meinung
Nachdem ich das Buch gelesen habe, brauchte ich erst eine Weile um es nachwirken zu lassen. Ich habe eindeutig mehr Zeit damit verbracht über das Buch nachzudenken als es zu lesen, und sicherlich wird es mich auch noch einige Zeit begleiten. Erstaunlich, wieviel Inhalt Ōe auf die wenigen Seiten der Erzählung bringt!
Es passiert zwar wenig, aber indem man den Gedanken des Studenten folgt und an Gesprächen teilnimmt, bringt Ōe den Leser selbst zum Nachdenken. Der Student sieht die Leichen erst als entseelte Gegenstände, setzt sich gedanklich aber immer mehr mit ihnen auseinander und gelangt an einem Punkt sogar zu der Frage, ob die Toten nicht eventuell die angenehmeren Zeitgenossen seien. Während des Lesens hatte ich verschiedene Gespräche im Hinterkopf, die ich mit Freunden geführt habe, die sich im Krankenhaus oder Rettungsdienst ähnliche Gedanken gemacht haben. Das macht das Ganze sehr viel greifbarer. Durch Ōes klare Sprache erscheinen die Gedanken nie philosophisch-abgehoben. Darüber hinaus beschreibt er mit wenigen Worten z. B. das Licht der Räumlichkeiten und deren besonderen Geruch und schafft dadurch eine sehr dichte Atmosphäre.

Eine zwar düstere, aber wirklich beeindruckende Leseerfahrung!

Der Autor
Kenzaburō Ōe, geboren 1935 auf der Insel Shikoku, studierte Romanistik an der Tokyo University. Abschluss mit einer Arbeit über Sartre. Ōe schrieb Essays, Geschichten und Romane. Mit 23 Jahren erhielt er den renommierten Akutagawa-Preis, es folgten zahlreiche weitere Auszeichungen – darunter 1994 der Nobelpreis für Literatur. Kenzaburō Ōe lebt in Tokyo.

Kenzaburō Ōe – Stolz der Toten
Aus dem Japanischen von Margarete Donath und Itsuko Gelbrich
Fischer Taschenbuch, 2006
78 Seiten

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