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Jakob Hein – Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht

Geschrieben von seitenansicht - 14. März 2009

Klappentext
Seit Boris Moser seine Agentur für verworfene Ideen eröffnet hatte, war niemand anderes als er selbst durch die Eingangstür getreten. Nun stand diese Frau vor seinem Schreibtisch, Rebecca. Kastanienbraunes Haar fiel auf ihre Schultern, und ihre Augen leuchteten. Während Boris noch darüber sinnierte, ob ihre elegante Nase ihr einen evolutionären Vorteil einbrachte, sprach Rebecca ihn an. Schlagartig wurde Boris klar, dass er diese Frau nie wieder gehen lassen durfte. Und dann tat er etwas, das er sonst unter allen Umständen vermieden hätte: Er erzählte ihr von einem verworfenen Romananfang. Er erzählte ihr von Sophia, die für ihren Auftrag­geber eine Geschichte aufschreiben musste. Sie handelte von dem Wissenschaftler Heiner, der kurz davor stand, den Sinn des Lebens zu ergründen.

Der erste Satz
Immer noch hing das Schild der alten Computerfirma über dem Laden.

Meine Meinung
Beim Lesen hatte ich das Bild eines Spiegelkabinetts vor Augen, in dem die Wirklichkeit bis zur Unendlichkeit vervielfacht wird. Denn Hein bedient sich nicht einer schlichten Konstruktion aus Rahmen- und Binnenerzählung sondern verschachelt raffiniert verschiedene Handlungen. Die äußere Hülle besteht aus dem altbekannten Thema Mann-trifft-Frau, im Kern steht die Suche nach dem Sinn des Lebens. Der Leser wird wie in einem Sog in die Geschichte hineingezogen, selbst auf der Suche.
Die skurrilen Personen habe ich auch schnell ins Herz geschlossen, allen voran natürlich Boris mit seiner Agentur für verworfene Ideen. Jede Person ist liebevoll gezeichnet und mit einem besonderen Spleen versehen. Davon trifft wahrscheinlich mindestens einer den jeweiligen Leser, egal ob er eine ganz individuelle Meinung zu Tee, Kaffee, Weihnachtsgeschenken oder Reisen hat. Spätestens mit dem Folgenden kriegt Hein jeden Leser: “Der Irrtum der anderen besteht doch darin, dass sie nach Wegen suchen, das Leben in die Zukunft hinein zu verlängern, ein höchst schwieriges Unterfangen mit einem höchst unklarem Ziel. Ich hingegen verlängere mein Leben in die Vergangenheit, und mein Weg dorthin ist natürlich das Lesen.”

Fragt sich nun jemand, ob das auf 174 Seiten sinnvoll funktionieren kann? Es kann. Hein zeigt, dass man nicht alles auswalzen muss, dass man schon an anderer Stelle Gesagtes ungesagt lassen kann. Dass ein Autor auch selbstständiges Denken von seinem Leser fordern kann, um ihn wiederum mit kleinen, absurden Beobachtungen zu belohnen.
Was mit einem harmlosen Geplänkel beginnt entwickelt sich zu einer echten Überraschung. Zuerst nahm mich nur Heins Schreibstil gefangen, doch er zeigt schnell, dass er weit mehr literarischen Kniffe beherrscht. Also: lesen!

Der Autor
Jakob Hein wurde 1971 in Leipzig geboren und lebt als praktizierender Arzt mit seiner Familie in Berlin.

Jakob Hein – Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht
Piper-Verlag, 2008
174 Seiten

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