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Lloyd Jones – Mister Pip

Geschrieben von seitenansicht - 9. September 2009

pipDer erste Satz
Alle nannten ihn Pop Eye.

Inhalt
Bougainville – ein paradiesisches Idyll im Südpazifik. Bis die Soldaten landen. Während Geschützfeuer den nächtlichen Dschungel erleuchtet, Hubschrauber die tropische Stille durchbrechen, entführt der exzentrische Mr. Watts seine Schüler in eine vielleicht bessere, fremde Welt: die Welt des Charles Dickens.

Meine Meinung
Je länger ich dieses Buch nachwirken lasse umso besser wird es, schon beim Lesen war ich überrascht von der Vielschichtigkeit, die Jones seinen Lesern bietet. Im Wesentlich kann man die Themen darauf reduzieren, wie Erzähltes ein Leben verändern kann. Schaut man genauer hin, geht es darum, wie ein Buch zu einer Fluchtmöglichkeit wird, aber auch wie es seine Leser verändert bzw. im Gegenzug von den Umständen verändert wird. Um die Macht der Fantasie und die Magie eines Buches. Es geht darum, dass einem seine Erinnerungen nicht genommen werden können, und dass man lernen muss mit Verlusten umzugehen. Dass man für seine Ideale einstehen muss, aber vom Leben auch etwas zurück bekommt. Es geht um Konflikte, sei es der Bürgerkrieg, der auf der Insel wütet, oder die Streiteren zwischen Mr. Watts und Matildas Mutter oder Mutter und Tochter selbst. Es geht um Gegensätze. Und es geht um das Ende einer Kindheit.

Lloyd Jones erzählt seine Geschichte sensibel, ohne vor den Schrecken des Krieges zurückzuschrecken und ohne Kitsch und Klischees. Die Handlung entfaltet sich überlegt, aber auch überraschend, und die Protagonisten sind detailliert charakterisiert, auch Nebenfiguren bekommen einen Wiedererkennungswert. Dabei lebt auch seine Sprache von Vielfältigkeit, indem Jones sowohl Dickens’sche Formulierungen als auch Pidgin-Einflüßen der Inselbewohner einbaut. Da ich das Buch im Original gelesen habe, interessiert mich wie gelungen die Übersetzung dies umgesetzt hat.

Zuletzt zur Frage, ob man Große Erwartungen von Charles Dickens kennen muss um Mister Pip zu lesen: Sicher nicht unbedingt, da ein Abriss der Handlung und die wichtigsten Verbindungen von Jones geliefert werden. Allerdings entgehen einem bestimmt einige Facetten der Geschichte, wenn man das Buch ohne Vorkenntniss der Erwartungen liest. Und wenn es gar nicht anders geht: einfach zweimal lesen!

Der Autor
Lloyd Jones, geboren 1955 in Lower Hutt, Neuseeland, hat zahlreiche Romane und Erzählungen veröffentlicht und gehört zu den namhaften, vielfach preisgekrönten Autoren seiner Heimat. Sein Roman «Mister Pip» wurde in über 30 Sprachen übersetzt, mit dem Commonwealth Writers’ Prize ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des Booker Prize 2007.

You cannot pretend to read a book. Your eyes will give you away. So will your breathing. A person entranced by a book simply forgets to breathe. The house can catch alight and a reader deep in a book will not look up until the wallpaper is in flames.

Lloyd Jones – Mister Pippipdt
John Murray (UK), 2007
219 Seiten

Aus dem Englischen von Grete Osterwald
rowohlt, 2008
288 Seiten

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Per Petterson – Pferde stehlen

Geschrieben von seitenansicht - 19. April 2009

petterson - pferdeDer erste Satz
Ich roch den Duft von frisch gefällten Bäumen.

Klappentext
Norwegen im Sommer 1948: Der fünfzehnjährige Trond verbringt die Ferien in einer Hütte nahe der schwedischen Grenze. Als in der Nachbarsfamilie ein schreckliches Unglück geschieht, entdeckt der Junge das wohlgehütete Lebensgeheimnis seines Vaters. In den Kriegsjahren hatte dieser zusammen mit der Nachbarin politisch Verfolgte über den Fluss gebracht. Und sich dabei für immer in diese Frau verliebt. Noch ahnt Trond nicht, dass er seinen Vater nach diesem gemeinsamen Sommer nie wiedersehen wird.

Meine Meinung
Pferde stehlen ist eine Vermischung von Erinnerungen an einen Sommer, den der 15-jährige Trond mit seinem Vater verbracht hat, und der Gegenwart des inzwischen 67-jährigen. Es ist ein Rückblick auf seinen Übergang ins Erwachsenenleben, auf einschneidende Erlebnisse, und ein Blick auf den Menschen, der er geworden ist. Dabei entfalten sich die Ereignisse ganz langsam vor dem Leser, Pettersons Erzählung strahlt eine angenehme Ruhe aus. Unaufgeregt vermengen sich die dramatischen Schlüsselszenen mit den alltäglichen Handlungen der Protagonisten. Und durch Pettersons detailreiche, schlichte Sprache hatte ich ständig das Gefühl in die skandinavische Landschaft einzutauchen. Er verwöhnt den Leser mit Geräuschen und Gerüchen, schafft es eine dichte Stimmung zu erschaffen, die zumindest mich absolut gefangen genommen hat. Das Lesen war fast wie ein Kurzurlaub, und ähnliche Probleme hatte ich wieder in die reale Welt zurückzukehren.

Der Autor
Per Petterson, geboren 1952 in Oslo, ist ausgebildeter Bibliothekar und arbeitete als Buchhändler und Übersetzer, bevor er sich als Schriftsteller etablierte.

Per Petterson – Pferde stehlen
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Hanser, 2006
248 Seiten

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