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Tilman Röhrig – Caravaggios Geheimnis

Geschrieben von seitenansicht - 7. Oktober 2009

Roehrig_Caravaggio.qxpDer erste Satz
Zu Beginn war dunkle Leere, dann aber hob sich der Vorhang und weit entfernt schimmerte Licht.

Inhalt
Das Buch beschreibt das Leben des Malers Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio. In seiner Kindheit beginnend, umfasst die Handlung seine Lehre in Mailand, Anfänge und Erfolge in Rom bis zu seiner Flucht aus der ewigen Stadt und endet genau genommen erst 1969 beim Raub eines seiner Gemälde.

Meine Meinung
Seit langem habe ich mal wieder einen historischen Roman gelesen, musste aber feststellen, dass dies anscheinend nicht (mehr) mein Genre ist. Und dabei hatte ich an Caravaggios Geheimnis weniger auszusetzen als an vielen anderen, konnte ihm aber leider auch nicht viel abgewinnen.
Anfangs musste ich etwas mit Röhrigs Stil kämpfen, als ich mich einmal daran gewöhnt hatte ließ sich das Buch aber flott lesen. Leider konnten mich weder die Handlung noch die Protagonisten fesseln, alles blieb mir zu oberflächlich und mittelmäßig. Schon der Einstieg über den Raub der Natività 1969 war etwas holprig und die Rahmenhandlung meiner Meinung nach überflüssig. Der darin vorkommende Hinweis auf Caravaggios 400. Todestag im nächsten Jahr lieferte mir immerhin die ungeschönte Erklärung für das Erscheinen des Romans.

Die Quellen, die es heute zu Caravaggios Leben gibt, sind umfangreich und man merkt, dass Röhrig gut recherchiert hat. Wenn es darum geht zu zeigen welche Modelle Caravaggio bevorzugte oder welchen Regeln das Mäzenatentum folgte bleiben kaum Fragen offen. Interessant wird es besonders dann, wenn der Autor dem Maler oder seinem Mäzen die Deutung eines seiner Gemälde in den Mund legt. Doch schon die Einblicke in den Maleralltag sind weniger detailliert, und wenn es um die allgemeine Atmospäre im zeitgenössischen Rom geht verliert Röhrig sich in Klischees und Oberflächlichkeit. Die Zeitgeschichte selbst findet nur am Rande Erwähnung, am meisten noch im Prozess um Giordano Bruno. Sobald jedoch Sex ins Spiel kommt werden Röhrigs Beschreibungen wieder konkreter – doch ständige explizite Szenen lassen weder die Atmosphäre dichter noch die Figuren tiefer werden.
Die Protagonisten bleiben größtenteils flach, die wenigsten machen eine Entwicklung durch – allen voran Caravaggio selbst. Zwar bringt er es als Maler zu beachtlichen Erfolgen, doch menschlich tritt er leider arg auf der Stelle. Schon als Kind zeigt er die Charakterzüge, die es ihm als Erwachsenen schwer machen werden. Mich würde wirklich interessieren, was Röhrig zu der Entscheidung veranlasst hat, seine Hauptfigur so unsympathisch darzustellen: er ist egoistisch, agressiv und jähzornig, er säuft, prügelt und verleumdet. Er will alles aus eigenem Antrieb schaffen, ist beim Scheitern aber umso mehr auf die Hilfe anderer angewiesen, die er jedoch immer wieder durch sein Handeln verletzt. Zwar gibt es auch Momente, in denen sein Gerechtigkeitssinn oder seine Liebe zu Paola oder Mario durchkommen, aber diese Augenblicke haben immer auch einen Beigeschmack der Schwäche. Doch wahrscheinlich trifft die Aussage zu, die an einer Stelle fällt: dass Caravaggio nicht der Maler gewesen wäre, der er war, wäre er ein anderer Mensch gewesen.

Der Autor
Tilman Röhrig, geboren 1945, lebt in der Nähe von Köln. Nach seiner Ausbildung zum Schauspieler und Engagements an mehreren deutschen Bühnen arbeitet er seit über drei Jahrzehnten als freier Schriftsteller. Die größten Erfolge brachten ihm seine historischen Romane, die allesamt Bestseller und vielfach übersetzt wurden. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen.

Tilman Röhrig – Caravaggios Geheimnis
Pendo Verlag, 2009
496 Seiten

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Jakob Hein – Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht

Geschrieben von seitenansicht - 14. März 2009

Klappentext
Seit Boris Moser seine Agentur für verworfene Ideen eröffnet hatte, war niemand anderes als er selbst durch die Eingangstür getreten. Nun stand diese Frau vor seinem Schreibtisch, Rebecca. Kastanienbraunes Haar fiel auf ihre Schultern, und ihre Augen leuchteten. Während Boris noch darüber sinnierte, ob ihre elegante Nase ihr einen evolutionären Vorteil einbrachte, sprach Rebecca ihn an. Schlagartig wurde Boris klar, dass er diese Frau nie wieder gehen lassen durfte. Und dann tat er etwas, das er sonst unter allen Umständen vermieden hätte: Er erzählte ihr von einem verworfenen Romananfang. Er erzählte ihr von Sophia, die für ihren Auftrag­geber eine Geschichte aufschreiben musste. Sie handelte von dem Wissenschaftler Heiner, der kurz davor stand, den Sinn des Lebens zu ergründen.

Der erste Satz
Immer noch hing das Schild der alten Computerfirma über dem Laden.

Meine Meinung
Beim Lesen hatte ich das Bild eines Spiegelkabinetts vor Augen, in dem die Wirklichkeit bis zur Unendlichkeit vervielfacht wird. Denn Hein bedient sich nicht einer schlichten Konstruktion aus Rahmen- und Binnenerzählung sondern verschachelt raffiniert verschiedene Handlungen. Die äußere Hülle besteht aus dem altbekannten Thema Mann-trifft-Frau, im Kern steht die Suche nach dem Sinn des Lebens. Der Leser wird wie in einem Sog in die Geschichte hineingezogen, selbst auf der Suche.
Die skurrilen Personen habe ich auch schnell ins Herz geschlossen, allen voran natürlich Boris mit seiner Agentur für verworfene Ideen. Jede Person ist liebevoll gezeichnet und mit einem besonderen Spleen versehen. Davon trifft wahrscheinlich mindestens einer den jeweiligen Leser, egal ob er eine ganz individuelle Meinung zu Tee, Kaffee, Weihnachtsgeschenken oder Reisen hat. Spätestens mit dem Folgenden kriegt Hein jeden Leser: “Der Irrtum der anderen besteht doch darin, dass sie nach Wegen suchen, das Leben in die Zukunft hinein zu verlängern, ein höchst schwieriges Unterfangen mit einem höchst unklarem Ziel. Ich hingegen verlängere mein Leben in die Vergangenheit, und mein Weg dorthin ist natürlich das Lesen.”

Fragt sich nun jemand, ob das auf 174 Seiten sinnvoll funktionieren kann? Es kann. Hein zeigt, dass man nicht alles auswalzen muss, dass man schon an anderer Stelle Gesagtes ungesagt lassen kann. Dass ein Autor auch selbstständiges Denken von seinem Leser fordern kann, um ihn wiederum mit kleinen, absurden Beobachtungen zu belohnen.
Was mit einem harmlosen Geplänkel beginnt entwickelt sich zu einer echten Überraschung. Zuerst nahm mich nur Heins Schreibstil gefangen, doch er zeigt schnell, dass er weit mehr literarischen Kniffe beherrscht. Also: lesen!

Der Autor
Jakob Hein wurde 1971 in Leipzig geboren und lebt als praktizierender Arzt mit seiner Familie in Berlin.

Jakob Hein – Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht
Piper-Verlag, 2008
174 Seiten

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