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Elias Canetti – Die Stimmen von Marrakesch

Geschrieben von seitenansicht - 20. März 2009

canettiKlappentext
Marrakesch – eine Stadt mit einem Namen wie eine Verheißung. Das singende Stimmengewirr der farbenprächtigen Märkte, orientalische Gerüche, Kameltreiber, Straßenverkäufer, aber auch Bettler und Blinde – all das findet Elias Canetti auf seiner Reise in die fremdartige, faszinierende Stadt. Dabei begleitet er in den Fünfzigerjahren eher aus Zufall ein Filmteam in diese Welt, die märchenhaft und rätselhaft zugleich wirkt. Er kehrt zurück nach London, doch die Erinnerung lässt ihn nicht mehr los. Schließlich beginnt er, in kurzen literarischen Skizzen die rätselhafte Stadt in ihrer ganzen Sinnlichkeit und Lebendigkeit zu beschwören. So erwachen vor dem Auge des Lesers die arabischen und jüdischen Viertel, die Kamelmärkte, die feilschenden Händler und die Prostituierten gleichsam zu neuem Leben.
Canettis Aufzeichnungen “Die Stimmen von Marrakesch” (1968) sind kein Reisebericht im traditionellen Sinn. Vielmehr sind sie literarische Momentaufnahmen, die in immer neuen Versuchen den flüchtigen Charme Marrakeschs einfangen und am Ende ebenso viel über den bezauberten Schriftsteller verraten wie über die Stadt, die ihn in ihren Bann gezogen hat.

Der erste Satz
Dreimal kam ich mit Kamelen in Berührung, und es endete immer auf tragische Weise.

Meine Meinung
Im Klappentext steht treffend, Canetti beginne “in kurzen literarischen Skizzen die rätselhafte Stadt in ihrer ganzen Sinnlichkeit und Lebendigkeit zu beschwören”. Er bietet dem Leser in der Tat keine Schilderung spannender Begebenheiten sondern Einblicke in sein Bild der Stadt. Er teilt Momentaufnahmen, die er eingefangen hat, und gibt die Atmosphäre von Marrakesch in den Fünfzigern wieder. Dabei zeigt sich sein Können besonders darin, mit wenigen Worten viel Stimmung zu vermitteln. Er weiß, was es wert ist berichtet zu werden, und welche Gedanken er mit dem Leser teilen kann. Dadurch erhalten die Texte wiederum eine sehr persönliche Note, die über den Charakter eines Reiseberichts hinaus geht.

In verschieden umfangreichen Texten, die für sich abgeschlossen sind, führt Canetti den Leser durch die Straßen der Stadt und über ihre Märkte. Er richtet den Blick mal auf die Bettler, mal auf die Händler, mal auf die Fremden, die einen Teil des bunten Stadtbildes ausmachen. Den Mittelpunkt stellt für mich sein erster Besuch im jüdischen Viertel, der Mellah, dar, besonders eindrucksvoll ist seine Beschreibung des jüdischen Friedhofs.

Da mir Sprache und Stimmung des Büchleins so gut gefallen, werde ich bestimmt immer mal wieder reinlesen.

Der Autor
Elias Canetti (1904-1994) wurde im bulgarischen Rustschuk als Sohn sephardischer Eltern geboren. Er lebte in Manchester, Zürich und Frankfurt am Main und studierte in Wien Chemie bis zur Promotion 1929, nach dem Studium arbeitete Canetti als Übersetzer. Er machte die Bekanntschaft zahlreicher Schriftsteller und Künstler. Sein erster Roman, “Die Blendung”, erschien 1935. 1938 verließ Canetti mit seiner Frau Wien, um sich nach einem Zwischenaufenthalt in Paris in London niederzulassen. Erst allmählich wurde Canetti als Schriftsteller bekannt. 1972 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, doch galt er noch bis zu seiner Auszeichnung mit dem Nobelpreis 1981 als Geheimtipp innerhalb der deutschen Literatur.

Elias Canetti – Die Stimmen von Marrakesch
Süddeutsche Zeitung Bibliothek, 2004
117 Seiten

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