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literarische Einblicke

Archiv für die Kategorie ‘Belletristik’

Andrew Sean Greer – Die Nacht des Lichts

Geschrieben von seitenansicht - 29. November 2009

Der erste Satz
Der Himmel hielt immer Wort.

Klappentext
Auf einer Insel im Südpazifik trifft sich 1965 eine Gruppe kalifornischer Astronomen, um einen Kometen zu beobachten. Das Gestirn streicht vorbei, ein Junge stirbt – ein Erlebnis, das sie nicht mehr loslassen wird. Von nun an treffen sie sich alle sechs Jahre, um den Kometen zu beobachten und ihr Leben neu zu vermessen.

Meine Meinung
Den zahlreichen überschwänglichen Rezensionen, die man im Netz findet, mag ich mich nicht anschließen, denn ein absolutes Highlight war das Buch für mich nicht, schlecht fand ich es aber auch nicht. Die meiste Zeit habe ich mich gefragt, wohin mich Greer führen möchte – ich habe mich ähnlich orientierungslos gefühlt wie die Protagonisten. Und von denen gibt es einige, da der Autor die Leben einer Gruppe von Menschen verfolgt, die durch die Betrachtung eines Kometen verbunden sind. Es gibt den renommierten Astronomen, der den Kometen entdeckt hat, seinen verzweifelten Kollegen, seine aufstrebenden Studenten, seine junge, unwissende Tochter, und andere aus deren Dunstkreis. Diese Menschen sind nicht nur durch den Kometen sondern auch den Tod eines Jungen miteinander verbunden, und im Laufe des Buches werden sie älter, erwachsen, erfolgreich, verzweifelt, desillusioniert und ihre Beziehungen zueinander verändern sich – sie leben. Greer fächert diese Leben vor dem Leser auf, indem er sie von 1965 bis 1990 alle sechs Jahre “besucht”. Er spielt mit den Perspektiven, mit Rückblicken und Momentaufnahmen. Dabei wachsen einem manche Protagonisten ans Herz, andere eben nicht.
Besonders gut hat mir gefallen wie sich die Einzelnen Gedanken über ihr Leben machen und dabei die Anschauung variiert wird, dass ein Leben aus mehreren Leben besteht bzw. bestehen sollte. Kathy, Frau eines viel versprechenden Astronomen, “wechselt” von einem Leben in ein anderes indem sie ihren Beruf bzw. ihre Berufung wechselt. Denise, Astronomin, blickt auf die nicht genutzten Chancen zurück und überlegt verzweifelt, welche Leben sie hätte führen können. Und Lydia empfindet sich als Heranwachsende bereits als ein “Produkt” des Teams von Mädchen, die sie schon gewesen ist. Auffällig ist hierbei meines Erachtens, dass diese Überlegungen nur von Frauen geführt werden. Die Männer spiegeln diese Überlegungen in ihrem Handeln, reflektieren sie aber nicht selbstständig. Auch wenn sie komplexe Personen im Geschehen darstellen, funktionieren sie bei diesem Aspekt anscheinend nur als Beiwerk der weiblichen Innenwelten.
Anfänglich fand ich den Roman etwas schleppend, obwohl er natürlich mit den Ereignissen beginnt, die immer wieder aufgearbeitet werden – der ersten Kometenbeobachtung und dem Tod eines Jungen. Nachdem die Protagonisten eingeführt waren legte sich das, allerdings schwächelt das Buch gegen Ende wieder etwas. Greers Schreibe ist solide (aber leider schlecht lektoriert), und offenbart einige Perlen.

Der Autor
Der Amerikaner Andrew Sean Greer veröffentlichte anfangs Erzählungen in verschiedenen Zeitschriften, 1996 wurde eine davon mit dem Ploughshares’s Cohen Award for Best Short Story ausgezeichnet. “Die Nacht des Lichts” war sein Debütroman, mit seinem zweiten Werk »Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli« gelang ihm der internationale Durchbruch. Der Autor lebt in San Francisco.

Andrew Sean Greer – Die Nacht des Lichts
aus dem Amerikanischen von Uda Strätling
Fischer Taschenbuch,  2005
352 Seiten

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Felipe Alfau – Das Café der Verrückten. Eine Komödie der Gesten

Geschrieben von seitenansicht - 24. Oktober 2009

alfauDer erste Satz
Ich schreibe diese Geschichte, um ein Versprechen einzulösen, das ich meinem armen Freund Fulano gegeben habe.

oder: Während der Polizeitagung 19- in Madrid gab es einen äußerst unglücklichen Zwischenfall.

oder: Es gibt Menschen, deren Leben so voll von Taten und Abenteuern ist, dass es dehnbar zu sein scheint, um die vielen Ereignisse in sich aufnehmen zu können, ohne zu platzen.

Klappentext
Im Café der Verrückten sitzt ein junger Mann – es ist Felipe Alfau – und spielt ein süßes und gefährliches Himmel-und-Hölle-Spiel: das der Grenzgängerei zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Les jeux sont faits – alles ist offen, und es rollen viele Kugeln. Wer spielt hier mit wem? Jeder mit jedem, der Autor mit seinen Figuren, diese mit ihm, und auch der Leser spielt seinen Part als Detektiv, denn was in diesem anarchischen Schelmenroman eigentlich geschieht, das herauszufinden ist seine Aufgabe.
Die vielen Gestalten des Romans spielen mit einem traditionsreichen Thema Komödie: dem der Identität. Alfau wirbelt Zeit und Raum in immer neue farbige Bilder, und wohl kein Leser wird dem teuflisch intelligent angelegten Labyrinth dort entkommen, wo er den Ausgang vermutet. Vielleicht landet er wieder im Café der Verrückten, vielleicht auf einem internationalen Kriminalistenkongreß, bei dem ein Stromausfall Madrid in einen Hexenkessel von Gaunereien verwandelt.
Man verliebt sich in dieses Buch, wenn man selbst ein Spieler ist, weil man in ihm verlorengehen kann. Weil man wie Gaston – eine der Figuren des Romans – nicht mehr so genau weiß, was Wirklichkeit ist, was Fiktion.

Meine Meinung
Ein grandioses Buch! Zum einen lebt es von wunderbaren Details, wie etwa dem Mann, der sein Kleingeld im Haus herumwarf um es dann, wenn er es brauchte, auf allen Vieren kriechend aus Ritzen und unter Möbel hervorzuholen. Zum anderen strotzt es vor lebendigen Figuren, und das meine ich wörtlich: sie wechseln über in die reale Welt, während der Autor im Gegenzug auch mal selbst als Romanfigur auftaucht (und dies ist nur ein Beispiel für das Verwischen von Realität und Buchwelt). Und letztendlich hat es einen zwar leicht verworrenen, aber erstklassig durchdachten Aufbau, der auch nach mehrmaliger Lektüre Neuentdeckungen verspricht. Denn jede der Episoden dreht sich um einen Protagonisten bzw. eine Personengruppe und steht dabei einerseits für sich allein und fügt sich andererseits in das Personengeflecht des Buches ein. Dabei ist es vollkommen egal, in welcher Reihenfolge man die Episoden liest, was Alfau selbst im Prolog anspricht und auch den oben gleich dreifach angegebenen “ersten Satz” erklärt. Doch Das Café der Verrückten ist keine bloße Aneinanderreihung von Kurzgeschichten. Die Akteure scheinen auch als Randfiguren eine Entwicklung durchzumachen, oder besser – da die Abschnitte sich ja nicht chronologisch aneinanderreihen – zeigen immer wieder auf’s Neue andere Aspekte ihres Charakters. Bemerkenswert ist neben all dem die Tatsache, dass Sprache und Inhalt zeitlos wirken – Alfau schrieb das Buch bereits 1936, und nachdem es lange Zeit in Vergessenheit geraten war, wurde es in den 1980er Jahren in Amerika zufällig wiederentdeckt und neu aufgelegt.

Ich werde es sicherlich erneut lesen, um weiteren Zusammenhängen nachzuspüren und Querverweise aufzudecken.

Der Autor
Felipe Alfau wurde 1902 in Barcelona geboren. Während des Ersten Weltkriegs flüchtete er mit seiner Familie in die USA. Er arbeitete als Übersetzer und schrieb zwei Romane sowie ein Gedichtband und eine Märchensammlung. Er starb 1999.

Felipe Alfau – Das Café der Verrückten. Eine Komödie der Gesten
Aus dem Spanischen von Heidrun Adler
Ullstein Taschenbuch, 1998
278 Seiten

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Tilman Röhrig – Caravaggios Geheimnis

Geschrieben von seitenansicht - 7. Oktober 2009

Roehrig_Caravaggio.qxpDer erste Satz
Zu Beginn war dunkle Leere, dann aber hob sich der Vorhang und weit entfernt schimmerte Licht.

Inhalt
Das Buch beschreibt das Leben des Malers Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio. In seiner Kindheit beginnend, umfasst die Handlung seine Lehre in Mailand, Anfänge und Erfolge in Rom bis zu seiner Flucht aus der ewigen Stadt und endet genau genommen erst 1969 beim Raub eines seiner Gemälde.

Meine Meinung
Seit langem habe ich mal wieder einen historischen Roman gelesen, musste aber feststellen, dass dies anscheinend nicht (mehr) mein Genre ist. Und dabei hatte ich an Caravaggios Geheimnis weniger auszusetzen als an vielen anderen, konnte ihm aber leider auch nicht viel abgewinnen.
Anfangs musste ich etwas mit Röhrigs Stil kämpfen, als ich mich einmal daran gewöhnt hatte ließ sich das Buch aber flott lesen. Leider konnten mich weder die Handlung noch die Protagonisten fesseln, alles blieb mir zu oberflächlich und mittelmäßig. Schon der Einstieg über den Raub der Natività 1969 war etwas holprig und die Rahmenhandlung meiner Meinung nach überflüssig. Der darin vorkommende Hinweis auf Caravaggios 400. Todestag im nächsten Jahr lieferte mir immerhin die ungeschönte Erklärung für das Erscheinen des Romans.

Die Quellen, die es heute zu Caravaggios Leben gibt, sind umfangreich und man merkt, dass Röhrig gut recherchiert hat. Wenn es darum geht zu zeigen welche Modelle Caravaggio bevorzugte oder welchen Regeln das Mäzenatentum folgte bleiben kaum Fragen offen. Interessant wird es besonders dann, wenn der Autor dem Maler oder seinem Mäzen die Deutung eines seiner Gemälde in den Mund legt. Doch schon die Einblicke in den Maleralltag sind weniger detailliert, und wenn es um die allgemeine Atmospäre im zeitgenössischen Rom geht verliert Röhrig sich in Klischees und Oberflächlichkeit. Die Zeitgeschichte selbst findet nur am Rande Erwähnung, am meisten noch im Prozess um Giordano Bruno. Sobald jedoch Sex ins Spiel kommt werden Röhrigs Beschreibungen wieder konkreter – doch ständige explizite Szenen lassen weder die Atmosphäre dichter noch die Figuren tiefer werden.
Die Protagonisten bleiben größtenteils flach, die wenigsten machen eine Entwicklung durch – allen voran Caravaggio selbst. Zwar bringt er es als Maler zu beachtlichen Erfolgen, doch menschlich tritt er leider arg auf der Stelle. Schon als Kind zeigt er die Charakterzüge, die es ihm als Erwachsenen schwer machen werden. Mich würde wirklich interessieren, was Röhrig zu der Entscheidung veranlasst hat, seine Hauptfigur so unsympathisch darzustellen: er ist egoistisch, agressiv und jähzornig, er säuft, prügelt und verleumdet. Er will alles aus eigenem Antrieb schaffen, ist beim Scheitern aber umso mehr auf die Hilfe anderer angewiesen, die er jedoch immer wieder durch sein Handeln verletzt. Zwar gibt es auch Momente, in denen sein Gerechtigkeitssinn oder seine Liebe zu Paola oder Mario durchkommen, aber diese Augenblicke haben immer auch einen Beigeschmack der Schwäche. Doch wahrscheinlich trifft die Aussage zu, die an einer Stelle fällt: dass Caravaggio nicht der Maler gewesen wäre, der er war, wäre er ein anderer Mensch gewesen.

Der Autor
Tilman Röhrig, geboren 1945, lebt in der Nähe von Köln. Nach seiner Ausbildung zum Schauspieler und Engagements an mehreren deutschen Bühnen arbeitet er seit über drei Jahrzehnten als freier Schriftsteller. Die größten Erfolge brachten ihm seine historischen Romane, die allesamt Bestseller und vielfach übersetzt wurden. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen.

Tilman Röhrig – Caravaggios Geheimnis
Pendo Verlag, 2009
496 Seiten

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Lloyd Jones – Mister Pip

Geschrieben von seitenansicht - 9. September 2009

pipDer erste Satz
Alle nannten ihn Pop Eye.

Inhalt
Bougainville – ein paradiesisches Idyll im Südpazifik. Bis die Soldaten landen. Während Geschützfeuer den nächtlichen Dschungel erleuchtet, Hubschrauber die tropische Stille durchbrechen, entführt der exzentrische Mr. Watts seine Schüler in eine vielleicht bessere, fremde Welt: die Welt des Charles Dickens.

Meine Meinung
Je länger ich dieses Buch nachwirken lasse umso besser wird es, schon beim Lesen war ich überrascht von der Vielschichtigkeit, die Jones seinen Lesern bietet. Im Wesentlich kann man die Themen darauf reduzieren, wie Erzähltes ein Leben verändern kann. Schaut man genauer hin, geht es darum, wie ein Buch zu einer Fluchtmöglichkeit wird, aber auch wie es seine Leser verändert bzw. im Gegenzug von den Umständen verändert wird. Um die Macht der Fantasie und die Magie eines Buches. Es geht darum, dass einem seine Erinnerungen nicht genommen werden können, und dass man lernen muss mit Verlusten umzugehen. Dass man für seine Ideale einstehen muss, aber vom Leben auch etwas zurück bekommt. Es geht um Konflikte, sei es der Bürgerkrieg, der auf der Insel wütet, oder die Streiteren zwischen Mr. Watts und Matildas Mutter oder Mutter und Tochter selbst. Es geht um Gegensätze. Und es geht um das Ende einer Kindheit.

Lloyd Jones erzählt seine Geschichte sensibel, ohne vor den Schrecken des Krieges zurückzuschrecken und ohne Kitsch und Klischees. Die Handlung entfaltet sich überlegt, aber auch überraschend, und die Protagonisten sind detailliert charakterisiert, auch Nebenfiguren bekommen einen Wiedererkennungswert. Dabei lebt auch seine Sprache von Vielfältigkeit, indem Jones sowohl Dickens’sche Formulierungen als auch Pidgin-Einflüßen der Inselbewohner einbaut. Da ich das Buch im Original gelesen habe, interessiert mich wie gelungen die Übersetzung dies umgesetzt hat.

Zuletzt zur Frage, ob man Große Erwartungen von Charles Dickens kennen muss um Mister Pip zu lesen: Sicher nicht unbedingt, da ein Abriss der Handlung und die wichtigsten Verbindungen von Jones geliefert werden. Allerdings entgehen einem bestimmt einige Facetten der Geschichte, wenn man das Buch ohne Vorkenntniss der Erwartungen liest. Und wenn es gar nicht anders geht: einfach zweimal lesen!

Der Autor
Lloyd Jones, geboren 1955 in Lower Hutt, Neuseeland, hat zahlreiche Romane und Erzählungen veröffentlicht und gehört zu den namhaften, vielfach preisgekrönten Autoren seiner Heimat. Sein Roman «Mister Pip» wurde in über 30 Sprachen übersetzt, mit dem Commonwealth Writers’ Prize ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des Booker Prize 2007.

You cannot pretend to read a book. Your eyes will give you away. So will your breathing. A person entranced by a book simply forgets to breathe. The house can catch alight and a reader deep in a book will not look up until the wallpaper is in flames.

Lloyd Jones – Mister Pippipdt
John Murray (UK), 2007
219 Seiten

Aus dem Englischen von Grete Osterwald
rowohlt, 2008
288 Seiten

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Haruki Murakami – Afterdark

Geschrieben von seitenansicht - 5. September 2009

afterdarkDer erste Satz
Vor uns liegt eine Großstadt.

Inhalt
Das nächtliche Tokyo zwischen Mitternacht und Morgengrauen. Wir beobachten Mari, die lesend im Restaurant Denny’s sitzt. Sie wird von einem unscheinbaren jungen Mann angesprochen, Takahashi, den sie durch ihre Schwester flüchtig kennt, und in ein Gespräch verwickelt. Durch ihn lernt Mari auch Kaoru kennen, die Geschäftsleiterin des Love Hotels Alphaville, die von Takahashi erfahren hat, dass Mari Chinesisch spricht. Sie bittet das Mädchen um Hilfe, weil eine chinesische Prostituierte von einem Freier zusammengeschlagen wurde. Auch dieser Freier streift durch die nächtliche Stadt. Währenddessen lenkt Murakami den Blick immer wieder auf Maris Schwester, Eri, in ihrem tiefen Schlaf. Im Morgengrauen verläuft sich die Handlung, es gibt keinen wirklichen Endpunkt. Mit Sonnenaufgang wird dem Leser jeder weitere Blick auf die Protagonisten verwehrt.

Meine Meinung
Von Beginn an schafft Murakami es die Atmosphäre der schlafenden Stadt heraufzubeschwören, die nur noch von wenigen Nachtschwärmern bevölkert ist. Er führt den Blick des Lesers durch die Straßenschluchten in das Restaurant, um von dort beginnend die Geschichte auszubreiten. Es geschieht wenig, das Buch lebt eher von den Gesprächen der Protagonisten und den so gegebenen Einblicken in ihr Inneres. Nichts ist zufällig, alles hat eine tiefere Bedeutung – vom Titel des Romans über die im Hintergund gespielte Musik bis hin zum Namen des Love Hotels. Und immer wieder blitzen die Abgründe des menschlichen Gesellschaft durch.
Während Murakami im Erzählstrang um die schlafende Eri schreibt “unser Blick ist zum Auge einer schwebenden Kamera geworden”, er also den Leser aktiv einbezieht, hält er ihn im anderen Erzählstrang auf Distanz. Der Leser erfährt über die Protagonisten nur das, was sie durch Äußerungen, Gestik und Mimik von sich preisgeben möchten. Tatsächlich ist man ganz Beobachter, ebenfalls ein Zuschauer, der ganz auf die Kamera angewiesen ist, aber ohne Kommentierung durch den Autor. Dass einem durch Murakamis geschickte “Kameraführung” sehr viele Details ins Auge fallen und man daher gut auf das Innenleben der Personen schließen kann, das muss eigentlich nicht extra erwähnt werden.
Hinzu kommt das Geheimnisvoll-Surreale, das bis zum Ende nicht aufgeklärt wird und der Handlung etwas Magisches verleiht. Man muss sich darauf einlassen können, darf keine Erklärung einfordern für Spiegelbilder, die ein Eigenleben entwickeln, oder traumähnliche Realitäten. Dann erst entfaltet sich auch der ganze Zauber Murakamis.

Der Autor
Haruki Murakami wurde 1949 in Kyoto geboren. Er besaß sieben Jahre lang eine Jazz-Bar, bevor er zu Schreiben begann, und lehrte vier Jahre lang an der University of Princeton. Nach dem großen Erdbeben in Hanshin und der Giftgasattacke in der U-Bahn von Tokyo kehrte er nach Japan zurück und befasste sich näher mit diesen beiden Katastrophen, u.a. veröffentlchte er zwei Bücher mit Augenzeugenberichten. Für seine Romane und Kurzgeschichten erhielt er zahlreiche Auszeichnungen.

So etwas wie eine Mauer, die verschiedene Welten trennt, gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Und wenn doch, dann ist sie wahrscheinlich aus dünnem Papiermaché. Wenn man sich plötzlich dagegenlehnt, bricht man möglicherweise durch und landet auf der anderen Seite. Vielleicht merken wir bloß nicht, dass sich die andere Seite schon in unser Inneres hineingestohlen hat… (S. 118)

Haruki Murakami – Afterdark
aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
btb Verlag, 2007
237 Seiten

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Yasmina Khadra – Morituri

Geschrieben von seitenansicht - 26. August 2009

morituriDer erste Satz
Blutüberströmt liegt der Horizont da und bringt durch einen Kaiserschnitt einen Tag zur Welt, für den sich die Mühe letztlich nicht gelohnt haben wird.

Inhalt
Algiers Intellektuelle sind das Ziel einer terroristischen Gruppe. Kommissar Llob ermittelt, scheint jedoch in ein Wespennest gestochen zu haben, da er nicht davor zurückschreckt auch korrupten Reichen  auf den Zahn zu fühlen.

Meine Meinung
Bisher kannte ich von Khadra Die Attentäterin, das mich sehr begeistert hat. Entsprechend hoch gesteckt waren meine Erwartungen, die allerdings nicht erfüllt wurden.
Sprachlich pendelt Khadra bei Morituri zwischen derber Gossensprache und poetischen Formulierungen, woran man sich aber durchaus gewöhnen kann, wenn man nicht zimperlich ist. Meine größten Kritikpunkte liegen woanders:

Zunächst sind da die Figuren, die allesamt eher lieblos beschrieben werden und dementsprechend flach bleiben. Nichts von der psychologischen Tiefe, die mich bei der Attentäterin so beeindruckt hat. Außerdem treten ständig neue Figuren auf, die ebenso schnell wieder verschwinden, sprich: sterben. Irgendwann habe ich es aufgegeben, mir die Namen merken zu wollen oder die entsprechende Person ins Netz der Handelnden einzufügen.

Auch die Atmosphäre des Buches ist eher schwach, Khadra lässt dem Leser kaum Gelegenheit “sich umzuschauen”. Die Handlung hätte außerdem genauso gut in jeder anderen vom islamischen Terrorismus und Korruption gebeutelten Stadt stattfinden können. Wobei wir bei einer Stärke des Buches angelangt sind: der Darstellung von Angst und Hilflosigkeit. Diese zentralen Punkte des Buches beschwört Khadra gekonnt, teilweise mit wenigen Worten herauf, so dass es mir manches Mal die Kehle zuschnürrte. Hier zeigt Khadra nicht nur den allgemeinen Missstand sondern lässt es persönlich werden, wobei sich dann doch sein psychologisches Fingerspitzengefühl zeigt. Leider viel zu selten, zum Großteil ergeht er sich in den Schimpftiraden über die Korruption und persönlichen Scharmützeln des Kommissars mit irgendwelchen hohen Tieren.

Zu guter Letzt: wenn ich es richtig verstanden habe, ist das Buch ein Krimi. Bei einem solchen setzte ich eine gut konstruierte Handlung voraus, Khadras Kommissar hingegen hangelt sich eher von einer Pleite zur nächsten und kommt doch immer einen Schritt weiter, ohne dass es für mich immer nachvollziehbar war, weshalb. Wenn in so einem Fall das Drumherum nicht stimmt – schade!

Der Autor
Yasmina Khadra, eigentlich Mohammed Moulessehoul, 1955 in Algerien geboren, lebt mit seiner Familie seit 2000 in Frankreich.

Yasmina Khadra – Morituri
Aus dem Französischen von Bernd Ziermann und Regina Keil-Sagawe
Unionsverlag metro, 2001
176 Seiten

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Chico Buarque – Budapest

Geschrieben von seitenansicht - 3. August 2009

budapestInhalt
Der Brasilianer José Costa ist anonymer Schriftsteller, ein Ghostwriter. Er genießt es, sich hinter fremden Namen verstecken zu können, und dennoch literarische Meisterwerke zu verfassen. Seine Berufung ist es, Fremden ihren Stil, ihre Meinung und sogar ihre Lebensgeschichte zu kreieren. Während einer Reise führt ihn eine ungeplante Zwischenlandung nach Budapest, wo er, einer Gewohnheit folgend, etwas von der Sprache aufschnappen möchte und seine Leidenschaft für’s Magyarische entdeckt – und bald auch für seine Lehrerin, die er durch Zufall kennenlernt. Von da an führt er ein Leben zwischen Rio de Janeiro und Budapest, entwurzelt, auf der Suche nach seiner Identität. In Rio ist er erfolgreicher Ghostwriter, mit einer berühmten Fernsehsprecherin zur Frau, einem Sohn und einem kulturell-geprägten Leben. In Budapest ist er der Fremde, der eine Sprachbarriere überwinden und Fuß fassen muss.

Meine Meinung
Was José Costa tut, das tut er konsequent, aber auch ohne es erklären oder hinterfragen zu wollen. Abseits seines Schreibens erscheint sein Leben lediglich vorüberzuziehen, mit traumgleicher Absolutheit, manchmal verwirrenden und gar phantastisch. Die Erzählung verläuft abseits gewöhnlicher Pfade, und trotzdem schafft Buarque es, auch am Schluss nochmal zu überraschen.

Die Geschichte entfaltet sich mit verschiedenen Wendungen und Rückbezügen, Realität und Fiktion werden verwoben, Buarque inszeniert ein Verwirrspiel. Schon kurz nach dem Lesen war ich mir im Rückblick nicht sicher, ob manche Zusammenhänge tatsächlich so waren, wie ich sie erinnere. Dabei gebraucht er eine schöne, schlichte Sprache, in die er wohl dosierte Bilder einfließen lässt. Das Buch lebt von seinen genauen Beobachtungen, besonders von Sprache, Exil oder Liebe. Reizvoll ist auch das Hinterfragen der Identität sowie der Authentizität eines Schriftstellers. Genau diese zweite Ebene macht das Leseerlebnis interessant, die eigentlich Handlung ist für mich nur zweitrangig.

Der Autor
Chico Buarque wurde 1944 in Rio de Janeiro geboren. Sein Architekturstudium brach er ab und wurde statt dessen der bekannteste Sänger Brasiliens. 1991 veröffentlichte er seinen ersten Roman Estorvo, 1995 folgte Benjamin, und im selben Jahr Budapest.

Chico Buarque – Budapest
Aus dem brasilianischen Portugiesischen von Karin Schweder-Schreiner
S. Fischer, 2006
207 Seiten

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Lars Gustafsson – Der Tod eines Bienenzüchters

Geschrieben von seitenansicht - 21. Mai 2009

gustafsson.doDer erste Satz
Das Sonnenlicht hatte die Schlucht noch nicht erreicht.

Inhalt
Der Tod eines Bienenzüchters
ist der letzte von fünf Teilen aus Risse in der Mauer, Gustafssons Zyklus aus den 70er Jahren, kann aber unabhängig von den Vorgängern geesen werden. Der Roman setzt sich zusammen aus Aufzeichnungen des ehemaligen Lehrers Lars Westin, der allein auf dem Land lebt und Bienen züchtet. Der Leser nimmt teil an seinem Alltag, erfährt Näheres zur Bienenzucht, folgt seinen Erinnerungen und allgemeinen Überlegungen zu Gesellschaft und Sprache und Schilderungen von Schmerzen. Denn Westin leidet an Krebs – vermutlich, denn den Brief mit den Laborergebnissen hat er ungelesen verbrannt, um sich einen Funken Hoffnung zu erhalten. Nach und nach überdenkt er sein bisheriges Leben, schöpft neue Kraft aus Vergangenem oder alltäglichen Geschehnissen. Und immer wieder schreibt er die Sätze “Wir fangen noch einmal an. Wir geben nicht auf.”. Thematisch bewegt er sich dabei immer weiter in eine nicht greifbare Richtung, weg vom Tagesgeschehen, hin zu philosophischen Überlegungen zum Ich.

Meine Meinung
Der Tod eines Bienenzüchters
ist eines dieser Bücher, in denen kaum etwas passiert und die trotzdem so fesselnd sind, dass man sie kaum aus der Hand legen möchte. Ich mag solche Bücher. Der Tonfall des Geschriebenen aber auch die Themen, die Gustafsson anschneidet, bieten Denkanstöße. Und auch wenn sich das Bildungs- und Gesundheitssystem Schwedens geändert haben, alles in allem könnte das Erzählte gerade eben erschienen sein statt vor über 30 Jahren. Auffällig ist die vorherrschende Distanziertheit. Zwar folgt man Westins schwankenden Stimmungen, erlebt seine Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, seinen Trotz und Lebenswillen. Doch obwohl man persönliche Aufzeichnungen liest wird es an keiner Stelle übermäßig dramatisch, nie hatte ich den Eindruck Westin müsse mir leid tun. Vielleicht kann man das unter “nordischer Kühle” ablegen. Oder es hängt mit dem philosophischen Ansatz zusammen, den Gustafsson verfolgt: “I tend to regard myself as a philosopher who has turned literature into one of his tools.” Bei Gelegenheit werde ich mir weitere Werke von Gustafsson besorgen, besonders natürlich die vorhergehenden Teile des Zyklus.

Der Autor
Lars Gustafsson wurde 1936 in Mittelschweden geboren. Der Lyriker, Philosoph und Romancier studierte in Uppsala, Oxford und Berlin. 1983 bis 2006 war er Professor für Germanistische Studien und Philosophie an der University of Texas in Austin/Texas. Seit Mai 2006 lebt er wieder in Schweden.

Lars Gustafsson – Der Tod eines Bienenzüchters
Aus dem Schwedischen von Verena Reichel
Süddeutsche Zeitung Bibliothek, 2007
166 Seiten

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José Saramago – Das Zentrum

Geschrieben von seitenansicht - 2. Mai 2009

zentrum1Der erste Satz
Der Mann, der den Lastwagen fährt, heißt Cipriano Algor, ist Töpfer von Beruf und vierundsechzig Jahre alt, obgleich er nicht so alt wirkt.

Klappentext
Der alte Cipriano Algor betreibt mit seiner Tochter Marta in einem portugiesischen Dorf eine kleine Töpferei. Seine Teller, Tassen und Krüge verkauft er an ein hypermodernes Einkaufszentrum in der Stadt. Eines Tages wird ihm an der Laderampe lakonisch mitgeteilt, dass Plastik viel besser sei als Ton und dass man künftig auf seine Dienste verzichten könne. Der Markt will es so.
Doch der Markt hat seine Rechnung ohne Cipriano gemacht. Der weise Alte wehrt sich, kämpft, stellt in Frage und lernt, dass es nie zu spät ist, zu Neuem aufzubrechen. Er hat eine geniale Idee, um die modernen Zeiten auf der Überholspur einzuholen. Bei deren Umsetzung helfen ihm die reizvolle Witwe Isaura, sein pfiffiger Schwiegersohn Marçal, der beim Sicherheitsdienst des Einkaufszentrums Karriere macht, und ein zugelaufener Hund. Doch der Mensch, sagt Platon, sieht nie die Dinge selbst, sondern stets nur ihre Schatten. Als Cipriano unter dem Einkaufszentrum, wo Bagger die Erde für eine neue Kühlanlage ausheben, eine Höhle entdeckt, betreten wir “Saramagos Terrain der großen Geheimnisse, der wahren Mirakel, die resistent sind gegen Deutung, Aufschluss, Klärung” (Frankfurter Rundschau).

Meine Meinung
Das Zentrum ist ein wunderbares Buch – nicht wegen seiner Geschichte, die bestimmt auf weniger Seiten erzählt werden könnte. Vielmehr beeindruckt haben mich die Personen und ihre Gedanken sowie die Einschübe, die sich Saramago immer wieder erlaubt. Jemand hat das Erzähltempo mit einem mächtigen Strom verglichen, was ich sehr passend finde, besonders, weil immer neue Gedanken der Erzählung den Charakter eines sich windenden Flusses geben. Dieser tolle Stil hat leider den Nachteil, dass Das Zentrum kein Buch für Zwischendurch ist. Sobald ich nicht mindestens eine halbe Stunde Ruhe hatte, um mich mit dem Buch zurückzuziehen, habe ich es meist gar nicht erst in die Hand genommen. Wenn ich allerdings meine Ruhe hatte, blieb es oft nicht bei einer halben Stunde… So gesehen also ein schöner Grund, mal wieder das Telefon auszustöpseln.

Der Autor
José Saramago wurde 1922 im portugiesischen Ribatejo als Sohn einer Landarbeiterfamilie geboren. Ursprünglich gelernter Maschinenschlosser knüpfte er ab 1955 literarische Kontakte. Ab 1968 wurde er verstärkt politisch tätig und trat 1969 in die (verbotene) kommunistische Partei ein. Er arbeitete als Journalist und Übersetzer, seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Neben zahlreichen Auszeichnungen erhielt er 1998 den Nobelpreis für Literatur, seine Werke sind in 26 Sprachen übersetzt. José Saramago lebt heute auf Lanzarote.

José Saramago – Das Zentrum
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
rowohlt, 2000
396 Seiten

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Per Petterson – Pferde stehlen

Geschrieben von seitenansicht - 19. April 2009

petterson - pferdeDer erste Satz
Ich roch den Duft von frisch gefällten Bäumen.

Klappentext
Norwegen im Sommer 1948: Der fünfzehnjährige Trond verbringt die Ferien in einer Hütte nahe der schwedischen Grenze. Als in der Nachbarsfamilie ein schreckliches Unglück geschieht, entdeckt der Junge das wohlgehütete Lebensgeheimnis seines Vaters. In den Kriegsjahren hatte dieser zusammen mit der Nachbarin politisch Verfolgte über den Fluss gebracht. Und sich dabei für immer in diese Frau verliebt. Noch ahnt Trond nicht, dass er seinen Vater nach diesem gemeinsamen Sommer nie wiedersehen wird.

Meine Meinung
Pferde stehlen ist eine Vermischung von Erinnerungen an einen Sommer, den der 15-jährige Trond mit seinem Vater verbracht hat, und der Gegenwart des inzwischen 67-jährigen. Es ist ein Rückblick auf seinen Übergang ins Erwachsenenleben, auf einschneidende Erlebnisse, und ein Blick auf den Menschen, der er geworden ist. Dabei entfalten sich die Ereignisse ganz langsam vor dem Leser, Pettersons Erzählung strahlt eine angenehme Ruhe aus. Unaufgeregt vermengen sich die dramatischen Schlüsselszenen mit den alltäglichen Handlungen der Protagonisten. Und durch Pettersons detailreiche, schlichte Sprache hatte ich ständig das Gefühl in die skandinavische Landschaft einzutauchen. Er verwöhnt den Leser mit Geräuschen und Gerüchen, schafft es eine dichte Stimmung zu erschaffen, die zumindest mich absolut gefangen genommen hat. Das Lesen war fast wie ein Kurzurlaub, und ähnliche Probleme hatte ich wieder in die reale Welt zurückzukehren.

Der Autor
Per Petterson, geboren 1952 in Oslo, ist ausgebildeter Bibliothekar und arbeitete als Buchhändler und Übersetzer, bevor er sich als Schriftsteller etablierte.

Per Petterson – Pferde stehlen
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Hanser, 2006
248 Seiten

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