Felipe Alfau – Das Café der Verrückten. Eine Komödie der Gesten
Geschrieben von seitenansicht am 24. Oktober 2009
Der erste Satz
Ich schreibe diese Geschichte, um ein Versprechen einzulösen, das ich meinem armen Freund Fulano gegeben habe.
oder: Während der Polizeitagung 19- in Madrid gab es einen äußerst unglücklichen Zwischenfall.
oder: Es gibt Menschen, deren Leben so voll von Taten und Abenteuern ist, dass es dehnbar zu sein scheint, um die vielen Ereignisse in sich aufnehmen zu können, ohne zu platzen.
Klappentext
Im Café der Verrückten sitzt ein junger Mann – es ist Felipe Alfau – und spielt ein süßes und gefährliches Himmel-und-Hölle-Spiel: das der Grenzgängerei zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Les jeux sont faits – alles ist offen, und es rollen viele Kugeln. Wer spielt hier mit wem? Jeder mit jedem, der Autor mit seinen Figuren, diese mit ihm, und auch der Leser spielt seinen Part als Detektiv, denn was in diesem anarchischen Schelmenroman eigentlich geschieht, das herauszufinden ist seine Aufgabe.
Die vielen Gestalten des Romans spielen mit einem traditionsreichen Thema Komödie: dem der Identität. Alfau wirbelt Zeit und Raum in immer neue farbige Bilder, und wohl kein Leser wird dem teuflisch intelligent angelegten Labyrinth dort entkommen, wo er den Ausgang vermutet. Vielleicht landet er wieder im Café der Verrückten, vielleicht auf einem internationalen Kriminalistenkongreß, bei dem ein Stromausfall Madrid in einen Hexenkessel von Gaunereien verwandelt.
Man verliebt sich in dieses Buch, wenn man selbst ein Spieler ist, weil man in ihm verlorengehen kann. Weil man wie Gaston – eine der Figuren des Romans – nicht mehr so genau weiß, was Wirklichkeit ist, was Fiktion.
Meine Meinung
Ein grandioses Buch! Zum einen lebt es von wunderbaren Details, wie etwa dem Mann, der sein Kleingeld im Haus herumwarf um es dann, wenn er es brauchte, auf allen Vieren kriechend aus Ritzen und unter Möbel hervorzuholen. Zum anderen strotzt es vor lebendigen Figuren, und das meine ich wörtlich: sie wechseln über in die reale Welt, während der Autor im Gegenzug auch mal selbst als Romanfigur auftaucht (und dies ist nur ein Beispiel für das Verwischen von Realität und Buchwelt). Und letztendlich hat es einen zwar leicht verworrenen, aber erstklassig durchdachten Aufbau, der auch nach mehrmaliger Lektüre Neuentdeckungen verspricht. Denn jede der Episoden dreht sich um einen Protagonisten bzw. eine Personengruppe und steht dabei einerseits für sich allein und fügt sich andererseits in das Personengeflecht des Buches ein. Dabei ist es vollkommen egal, in welcher Reihenfolge man die Episoden liest, was Alfau selbst im Prolog anspricht und auch den oben gleich dreifach angegebenen “ersten Satz” erklärt. Doch Das Café der Verrückten ist keine bloße Aneinanderreihung von Kurzgeschichten. Die Akteure scheinen auch als Randfiguren eine Entwicklung durchzumachen, oder besser – da die Abschnitte sich ja nicht chronologisch aneinanderreihen – zeigen immer wieder auf’s Neue andere Aspekte ihres Charakters. Bemerkenswert ist neben all dem die Tatsache, dass Sprache und Inhalt zeitlos wirken – Alfau schrieb das Buch bereits 1936, und nachdem es lange Zeit in Vergessenheit geraten war, wurde es in den 1980er Jahren in Amerika zufällig wiederentdeckt und neu aufgelegt.
Ich werde es sicherlich erneut lesen, um weiteren Zusammenhängen nachzuspüren und Querverweise aufzudecken.
Der Autor
Felipe Alfau wurde 1902 in Barcelona geboren. Während des Ersten Weltkriegs flüchtete er mit seiner Familie in die USA. Er arbeitete als Übersetzer und schrieb zwei Romane sowie ein Gedichtband und eine Märchensammlung. Er starb 1999.
Felipe Alfau – Das Café der Verrückten. Eine Komödie der Gesten
Aus dem Spanischen von Heidrun Adler
Ullstein Taschenbuch, 1998
278 Seiten