Chico Buarque – Budapest
Geschrieben von seitenansicht am 3. August 2009
Inhalt
Der Brasilianer José Costa ist anonymer Schriftsteller, ein Ghostwriter. Er genießt es, sich hinter fremden Namen verstecken zu können, und dennoch literarische Meisterwerke zu verfassen. Seine Berufung ist es, Fremden ihren Stil, ihre Meinung und sogar ihre Lebensgeschichte zu kreieren. Während einer Reise führt ihn eine ungeplante Zwischenlandung nach Budapest, wo er, einer Gewohnheit folgend, etwas von der Sprache aufschnappen möchte und seine Leidenschaft für’s Magyarische entdeckt – und bald auch für seine Lehrerin, die er durch Zufall kennenlernt. Von da an führt er ein Leben zwischen Rio de Janeiro und Budapest, entwurzelt, auf der Suche nach seiner Identität. In Rio ist er erfolgreicher Ghostwriter, mit einer berühmten Fernsehsprecherin zur Frau, einem Sohn und einem kulturell-geprägten Leben. In Budapest ist er der Fremde, der eine Sprachbarriere überwinden und Fuß fassen muss.
Meine Meinung
Was José Costa tut, das tut er konsequent, aber auch ohne es erklären oder hinterfragen zu wollen. Abseits seines Schreibens erscheint sein Leben lediglich vorüberzuziehen, mit traumgleicher Absolutheit, manchmal verwirrenden und gar phantastisch. Die Erzählung verläuft abseits gewöhnlicher Pfade, und trotzdem schafft Buarque es, auch am Schluss nochmal zu überraschen.
Die Geschichte entfaltet sich mit verschiedenen Wendungen und Rückbezügen, Realität und Fiktion werden verwoben, Buarque inszeniert ein Verwirrspiel. Schon kurz nach dem Lesen war ich mir im Rückblick nicht sicher, ob manche Zusammenhänge tatsächlich so waren, wie ich sie erinnere. Dabei gebraucht er eine schöne, schlichte Sprache, in die er wohl dosierte Bilder einfließen lässt. Das Buch lebt von seinen genauen Beobachtungen, besonders von Sprache, Exil oder Liebe. Reizvoll ist auch das Hinterfragen der Identität sowie der Authentizität eines Schriftstellers. Genau diese zweite Ebene macht das Leseerlebnis interessant, die eigentlich Handlung ist für mich nur zweitrangig.
Der Autor
Chico Buarque wurde 1944 in Rio de Janeiro geboren. Sein Architekturstudium brach er ab und wurde statt dessen der bekannteste Sänger Brasiliens. 1991 veröffentlichte er seinen ersten Roman Estorvo, 1995 folgte Benjamin, und im selben Jahr Budapest.
Chico Buarque – Budapest
Aus dem brasilianischen Portugiesischen von Karin Schweder-Schreiner
S. Fischer, 2006
207 Seiten
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Dieser Eintrag wurde erstellt am 3. August 2009 um 17:19 und ist abgelegt unter Belletristik. Getaggt mit: Belletristik, Brasilien, Chico Buarque, Konflikte, Selbstfindung, Sprachebarriere. Du kannst alle Antworten auf diesen Eintrag mitverfolgen über den RSS 2.0 Feed. Du kannst eine Antwort hinterlassen, oder Trackback von deiner eigenen Seite.