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literarische Einblicke

Archiv für März 2009

José Saramago – Eine Zeit ohne Tod

Geschrieben von seitenansicht - 30. März 2009

saramagoKlappentext
Es ist der 1. Januar in einem nicht näher bezeichneten Land. Etwas, wofür es kein Beispiel in der Geschichte gibt, geschieht: An diesem Tag stirbt niemand. Und auch am folgenden Tag nicht, und am darauffolgenden. Selbst die Königinmutter, bei der es aussah, als würde sie den Jahreswechsel nicht mehr erleben, verharrt im Sterben. Der Tod streikt, so eine Reporterin. Die Regierung scheint entschlossen, den sich anbahnenden demographischen Problemen die Stirn zu bieten; die katholische Kirche ist in ihren Grundfesten erschüttert, denn ohne Tod keine Auferstehung. Die Gesellschaft spaltet sich: einerseits die Hoffnung, ewig zu leben, andererseits der Schrecken, nie zu sterben. Eines Tages findet der Direktor des nationalen Fernsehens einen Brief auf dem Tisch (der Umschlag ist violett, offenbar von einer Frau beschriftet), von dessen Inhalt er umgehend den Ministerpräsidenten in Kenntnis setzt…

Der erste Satz
Am darauffolgenden Tag starb niemand.

Meine Meinung
Saramago gehört zu meinen Lieblingsschriftstellern, und auch dieses Mal hat er mich nicht enttäuscht. Was wäre, wenn niemand mehr sterben würde? Dieser Frage geht Saramago nach, er folgt der anfänglichen Euphorie, der einsetzenden Ernüchterung, den Diskussionen in Politik, Kirche und Gesellschaft. Er zeigt, dass die Wirtschaft, allen voran Bestattungs- und Versicherungsunternehmen sowie die Mafia, erfinderisch mit der neuen Situation umgeht, Krankenhäuser und Pflegeheime hingegen vor ungeahnten Problemen stehen. Und als dann der Tod – oder besser: die tod, denn der portugiesische Tod ist eine Frau und nur einer unter vielen - zurückkehrt scheint das Chaos perfekt zu sein.
Trotz des gewohnt eigenen Stils mit langen, verschachtelten Sätzen und ohne Redezeichen ist Eine Zeit ohen Tod sehr flüssig lesbar. Das Thema ist gewohnt sozialkritisch, aber dadurch noch lange nicht gewöhnlich. Saramago beginnt nicht nur mit einer absurden Idee, er schafft es auch immer wieder Wendungen einzubauen, mit denen man nicht rechnet. Über lange Strecken kommt der Roman ohne Protagonisten aus, erst im letzten Drittel ändert sich das, ohne mir vorher negativ aufzufallen. Zwar fokussiert Saramago in einzelnen Episoden auf bestimmte Personen, im Wesentlichen dreht sich die Handung aber um Gruppen, aus denen einzelne Redner herausstechen. Die abstrakte Situation wird aufgelockert duch Einzelschicksale, die Saramago sich als Erzähler durchaus erlaubt zu kommentieren. Zu guter Letzt liefert uns Saramago eine offene Geschichte. Nicht nur das Ende bleibt offen, auch innerhalb der Erzählung gibt es Stränge, die ins Leere laufen. Doch gerade das passt zu der Ratlosigkeit, die angesichts der neuen Situation herrscht, zu dem Zustand zwischen Freudentaumel und Entsetzen.

Ein einfach wunderbares Buch.

Der Autor
José Saramago wurde 1922 im portugiesischen Ribatejo als Sohn einer Landarbeiterfamilie geboren. Ursprünglich gelernter Maschinenschlosser knüpfte er ab 1955 literarische Kontakte. Ab 1968 wurde er verstärkt politisch tätig und trat 1969 in die (verbotene) kommunistische Partei ein. Er arbeitete als Journalist und Übersetzer, seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Neben zahlreichen Auszeichnungen erhielt er 1998 den Nobelpreis für Literatur, seine Werke sind in 26 Sprachen übersetzt. José Saramago lebt heute auf Lanzarote.

José Saramago – Eine Zeit ohne Tod
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
Rowohlt, 2007
256 Seiten

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João Aguiar – Verirrte Seelen

Geschrieben von seitenansicht - 25. März 2009

aguiarInhalt
Der schrullige Gonçalo Nuno lebt allein in seinem Haus außerhalb der Stadt und versucht seine spät erlangte Freiheit vor seiner Familie zu verteidigen.  José Eduardo da Pinta, genannt Zé, wurde von seiner Familie mehr oder minder verstoßen und fasst nun Vertrauen zu dem Alten. Die beiden Außenseiter freunden sich an und der belesene Nuno erzählt Zé von Werwölfen, verwunschenen Frauen und Gewitterlingen. Dabei glaubt Nuno selbst nicht so ganz an die Geschichten, die er dem Jüngeren erzählt, und sorgt sich um ihre Wirkung auf Zé. Dieser jedoch taucht immer mehr ein in die Welt der Märchen und Sagen.

Der erste Satz
Gonçalo Nuno Mesquita de Reboredo e Sande war siebzig Jahre alt, als er Haus und Familie verließ, um in Poiais da Santa Cruz ein neues Leben zu beginnen.

Meine Meinung
Sobald Märchen und Sagen in einer Geschichte vorkommen fällt sie in mein Beuteschema, und Aguiar erwies sich als Glücksgriff. Auf wenigen Seiten erzählt er diese Geschichte zweier schrulliger Außenseiter mit einer schönen, melancholischen Atmosphäre. Dabei lässt er den Leser häufig in der Schwebe: bezieht sich der Titel auf die beiden Protagonisten? Oder doch nur auf portugiesischen Volksglauben? Existiert das Sagenhafte nur in der Fantasie von Nuno und Zé? Oder in der des Lesers? Oder ist nicht vielleicht doch etwas Wahres an all diesen Geschichten? Das Ende ist zwar etwas blutig, aber konsequent und so gar nicht wie andere.

Der Autor
João Aguiar wurde 1943 in Portugal geboren. Er arbeitet dort als Journalist.

João Aguiar – Verirrte Seelen
Aus dem Portugiesischen von Ralph Roger Glöckler
Ullstein, 1998
132 Seiten

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Elias Canetti – Die Stimmen von Marrakesch

Geschrieben von seitenansicht - 20. März 2009

canettiKlappentext
Marrakesch – eine Stadt mit einem Namen wie eine Verheißung. Das singende Stimmengewirr der farbenprächtigen Märkte, orientalische Gerüche, Kameltreiber, Straßenverkäufer, aber auch Bettler und Blinde – all das findet Elias Canetti auf seiner Reise in die fremdartige, faszinierende Stadt. Dabei begleitet er in den Fünfzigerjahren eher aus Zufall ein Filmteam in diese Welt, die märchenhaft und rätselhaft zugleich wirkt. Er kehrt zurück nach London, doch die Erinnerung lässt ihn nicht mehr los. Schließlich beginnt er, in kurzen literarischen Skizzen die rätselhafte Stadt in ihrer ganzen Sinnlichkeit und Lebendigkeit zu beschwören. So erwachen vor dem Auge des Lesers die arabischen und jüdischen Viertel, die Kamelmärkte, die feilschenden Händler und die Prostituierten gleichsam zu neuem Leben.
Canettis Aufzeichnungen “Die Stimmen von Marrakesch” (1968) sind kein Reisebericht im traditionellen Sinn. Vielmehr sind sie literarische Momentaufnahmen, die in immer neuen Versuchen den flüchtigen Charme Marrakeschs einfangen und am Ende ebenso viel über den bezauberten Schriftsteller verraten wie über die Stadt, die ihn in ihren Bann gezogen hat.

Der erste Satz
Dreimal kam ich mit Kamelen in Berührung, und es endete immer auf tragische Weise.

Meine Meinung
Im Klappentext steht treffend, Canetti beginne “in kurzen literarischen Skizzen die rätselhafte Stadt in ihrer ganzen Sinnlichkeit und Lebendigkeit zu beschwören”. Er bietet dem Leser in der Tat keine Schilderung spannender Begebenheiten sondern Einblicke in sein Bild der Stadt. Er teilt Momentaufnahmen, die er eingefangen hat, und gibt die Atmosphäre von Marrakesch in den Fünfzigern wieder. Dabei zeigt sich sein Können besonders darin, mit wenigen Worten viel Stimmung zu vermitteln. Er weiß, was es wert ist berichtet zu werden, und welche Gedanken er mit dem Leser teilen kann. Dadurch erhalten die Texte wiederum eine sehr persönliche Note, die über den Charakter eines Reiseberichts hinaus geht.

In verschieden umfangreichen Texten, die für sich abgeschlossen sind, führt Canetti den Leser durch die Straßen der Stadt und über ihre Märkte. Er richtet den Blick mal auf die Bettler, mal auf die Händler, mal auf die Fremden, die einen Teil des bunten Stadtbildes ausmachen. Den Mittelpunkt stellt für mich sein erster Besuch im jüdischen Viertel, der Mellah, dar, besonders eindrucksvoll ist seine Beschreibung des jüdischen Friedhofs.

Da mir Sprache und Stimmung des Büchleins so gut gefallen, werde ich bestimmt immer mal wieder reinlesen.

Der Autor
Elias Canetti (1904-1994) wurde im bulgarischen Rustschuk als Sohn sephardischer Eltern geboren. Er lebte in Manchester, Zürich und Frankfurt am Main und studierte in Wien Chemie bis zur Promotion 1929, nach dem Studium arbeitete Canetti als Übersetzer. Er machte die Bekanntschaft zahlreicher Schriftsteller und Künstler. Sein erster Roman, “Die Blendung”, erschien 1935. 1938 verließ Canetti mit seiner Frau Wien, um sich nach einem Zwischenaufenthalt in Paris in London niederzulassen. Erst allmählich wurde Canetti als Schriftsteller bekannt. 1972 erhielt er den Georg-Büchner-Preis, doch galt er noch bis zu seiner Auszeichnung mit dem Nobelpreis 1981 als Geheimtipp innerhalb der deutschen Literatur.

Elias Canetti – Die Stimmen von Marrakesch
Süddeutsche Zeitung Bibliothek, 2004
117 Seiten

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Marie Hermanson – Die Schmetterlingsfrau

Geschrieben von seitenansicht - 15. März 2009

Klappentext
Verheiratete Männer machen immer irgendwann Schluß. Nur zu diesem Zeitpunkt hatte sie damit nicht gerechnet. Anna, Mitte Dreißig, unabhängig, beruflich erfolgreich, ist gerade von ihrem Liebhaber verlassen worden. Sie bucht eine Reise nach Borneo, um in der Hitze des Dschungels Roger zu vergessen, und tatsächlich bringt ein Ausflug in den Urwald sie auf andere Gedanken – ein rätselhaftes Zucken, ein unbekanntes Gefühl im linken Bein lenken all ihre Aufmerksamkeit auf sich. Zurück in Schweden, läßt Anna ihr »Reisesouvenir« untersuchen. Dabei gerät sie an den Tropenspezialisten und Insektenforscher Willof. Und dieser ist begeistert: Eine seltene Schmetterlingsart hat sich Anna als Wirtstier ausgesucht und in ihrem Oberschenkel drei Schmetterlingspuppen plaziert. Willof überredet die Auserwählte, in sein Schmetterlingshaus zu ziehen und dort die Puppen in ihrem Bein bis zum Schlüpfen zu tragen. Für Anna eine leichte Entscheidung; sie quartiert sich im Glashaus ein, wo sich bald ihre Erinnerungen an Vergangenes wie von selbst mit der Gegenwart verweben. Und die vermeintliche Oase? Entwickelt sich binnen kurzem zu einem Ort merkwürdigster Vorgänge.

Der erste Satz
Ich bin siebenunddreißig Jahre alt. Ich habe keinen Mann. Keine Kinder. Keine Katze. Aber ich habe drei Schmetterlingspuppen im linken Oberschenkel.

Meine Meinung
Anfangs fragte ich mich, wo der tiefere Bezug zu Schmetterlingen steckt. Denn nachdem die Vorgeschichte mit der Reise nach Borneo erzählt ist, die auch der Klappentext verrät, driftet die Geschichte ab und setzt sich aus Erinnerungen Annas zusammen. In ihrer Einsamkeit regen sie Details ihrer Umgebung dazu an, über ihr bisheriges Leben nachzudenken. Dem Leser werden Erinnerungen, Episoden und Bruchstücke präsentiert, die sich nach und nach zusammenfügen, und irgenwann ergibt sich auch der große Zusammenhang. Anna führt ihr Leben selbst zurückgezogen, wie in einem Kokon, isoliert von der Außenwelt und unbewußt darauf wartend, dass etwas passiert. Parallel zu den Schmetterlingslarven in ihrem Schenkel durchläuft sie eine Entwicklung indem sie sich selbst findet. Die Geschichte, die schon ihren Ursprung in einem nicht-alltäglichen Zufall hatte, driftet fast ins Surreale ab. Hermanson hat dabei einen überaus angenehmen Erzählstil, und obwohl ich nach ungefähr dem ersten Drittel nicht mehr ganz so interessiert weitergelesen habe, steigert sich die Handlung im Verlauf wieder deutlich. Sollte mir ein weiteres Buch der Autorin zwischen die Finger geraten bin ich sicher nicht abgeneigt.

Die Autorin
Marie Hermanson wurde 1956 geboren. Sie wohnt zusammen mit ihrem Mann und zwei Kindern in Göteborg. Sie besuchte eine Journalistenhochschule und studierte Literaturwissenschaft und Soziologie. Neben dem Studium arbeitete sie als Pflegerin in einer psychiatrischen Klinik. Sie arbeitete als Journalistin bei verschiedenen Tageszeitungen, ihre Bücher sind in zwölf Sprachen übersetzt worden.

Wenn ich in der Schule einen anderen Zeichenlehrer gehabt hätte, einen, der mich geschätzt und gefördert hätte, dann wäre ich vermutlich jahrelang auf eine Kunstschule gegangen und hätte riesige Studienschulden. Ich würde empfindsam und begabt malen und nie etwas verkaufen. Ich würde mich mit Stipendien durchschlagen und hätte weniger Geld als eine Putzfrau. Jetzt zeichne ich zottige Silbermöwen auf Müllhalden und lebe ganz gut von dem, was ich verdiene. (S. 159)

Der Fehler mit den Männern, die ich gekannt habe, war, dass sie nie mit dem Schnabel klapperten.
Konrad Lorenz beschreibt ein Storchenpaar, bei dem das Weibchen ein Weißstorch und das Männchen ein Schwarzstorch ist. Sie gehörten also fast zur gleichen Art, aber nicht ganz. Das Verhalten des weißen und des schwarzen Storchs ist im großen ganzen gleich [...]. Abgesehen von täglich einigen Augenblicken, wenn sie sich am Nest begrüßten.[...]
Jedes Mal, wenn das Männchen zum Nest zurückkehrte und das Weibchen begrüßen wollte, kam es zur Krise. Das Weibchen klapperte und erwartete natürlich, das gleiche Klappern als Antwort zu erhalten, aber wenn sie nur ein Zischen bekam geriet sie außer sich vor Wut und Enttäuschung. Das kann man sich gut vorstellen. Immer wieder klappert sie, immer wieder hofft sie auf ein Antwortklappern, ein Klappern, das nie kommt. Dieses ausbleibende Klappern ist die Tragödie ihres Lebens. Sie wird es nie zu hören bekommen. (S. 194f)

Marie Hermanson – Die Schmetterlingsfrau
Aus dem Schwedischen von Regine Elsässer
Suhrkamp, 2002
243 Seiten

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Jakob Hein – Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht

Geschrieben von seitenansicht - 14. März 2009

Klappentext
Seit Boris Moser seine Agentur für verworfene Ideen eröffnet hatte, war niemand anderes als er selbst durch die Eingangstür getreten. Nun stand diese Frau vor seinem Schreibtisch, Rebecca. Kastanienbraunes Haar fiel auf ihre Schultern, und ihre Augen leuchteten. Während Boris noch darüber sinnierte, ob ihre elegante Nase ihr einen evolutionären Vorteil einbrachte, sprach Rebecca ihn an. Schlagartig wurde Boris klar, dass er diese Frau nie wieder gehen lassen durfte. Und dann tat er etwas, das er sonst unter allen Umständen vermieden hätte: Er erzählte ihr von einem verworfenen Romananfang. Er erzählte ihr von Sophia, die für ihren Auftrag­geber eine Geschichte aufschreiben musste. Sie handelte von dem Wissenschaftler Heiner, der kurz davor stand, den Sinn des Lebens zu ergründen.

Der erste Satz
Immer noch hing das Schild der alten Computerfirma über dem Laden.

Meine Meinung
Beim Lesen hatte ich das Bild eines Spiegelkabinetts vor Augen, in dem die Wirklichkeit bis zur Unendlichkeit vervielfacht wird. Denn Hein bedient sich nicht einer schlichten Konstruktion aus Rahmen- und Binnenerzählung sondern verschachelt raffiniert verschiedene Handlungen. Die äußere Hülle besteht aus dem altbekannten Thema Mann-trifft-Frau, im Kern steht die Suche nach dem Sinn des Lebens. Der Leser wird wie in einem Sog in die Geschichte hineingezogen, selbst auf der Suche.
Die skurrilen Personen habe ich auch schnell ins Herz geschlossen, allen voran natürlich Boris mit seiner Agentur für verworfene Ideen. Jede Person ist liebevoll gezeichnet und mit einem besonderen Spleen versehen. Davon trifft wahrscheinlich mindestens einer den jeweiligen Leser, egal ob er eine ganz individuelle Meinung zu Tee, Kaffee, Weihnachtsgeschenken oder Reisen hat. Spätestens mit dem Folgenden kriegt Hein jeden Leser: “Der Irrtum der anderen besteht doch darin, dass sie nach Wegen suchen, das Leben in die Zukunft hinein zu verlängern, ein höchst schwieriges Unterfangen mit einem höchst unklarem Ziel. Ich hingegen verlängere mein Leben in die Vergangenheit, und mein Weg dorthin ist natürlich das Lesen.”

Fragt sich nun jemand, ob das auf 174 Seiten sinnvoll funktionieren kann? Es kann. Hein zeigt, dass man nicht alles auswalzen muss, dass man schon an anderer Stelle Gesagtes ungesagt lassen kann. Dass ein Autor auch selbstständiges Denken von seinem Leser fordern kann, um ihn wiederum mit kleinen, absurden Beobachtungen zu belohnen.
Was mit einem harmlosen Geplänkel beginnt entwickelt sich zu einer echten Überraschung. Zuerst nahm mich nur Heins Schreibstil gefangen, doch er zeigt schnell, dass er weit mehr literarischen Kniffe beherrscht. Also: lesen!

Der Autor
Jakob Hein wurde 1971 in Leipzig geboren und lebt als praktizierender Arzt mit seiner Familie in Berlin.

Jakob Hein – Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht
Piper-Verlag, 2008
174 Seiten

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Yasmina Khadra – Die Attentäterin

Geschrieben von seitenansicht - 7. März 2009

Klappentext
Amin Jaafari ist Chirurg in einem Krankenhaus in Tel Aviv. Er erhält die schreckliche Nachricht, dass seine Frau bei einem Attentat ums Leben kam. Nicht genug damit – seine Frau soll den Anschlag selbst verübt haben. Das kann Jaafari unmöglich glauben. Gegen alle Ratschläge seiner Freunde macht er sich auf die Suche nach den Motiven und Hintergründen des Verbrechens. Dabei gerät er immer tiefer in die Verstrickungen einer tödlichen Feindschaft.

Der erste Satz
Ich erinnere mich nicht, eine Detonation gehört zu haben.

Meine Meinung
Das Buch ist die Annäherung an eine Selbstmordattentäterin durch ihren Ehemann. Das ist zwangsweise mit vielen Emotionen verbunden, die Khadra schmerzlich detailliert darstellt – beeindruckend, einfühlsam, nachfühlbar. Die sensibel dargestellte Entwicklung, die Amin Jaafari durchlebt, vom physischen und psychischen Zusammenbruch bis zur Ruhe der Erkenntnis, ergibt dabei das ergreifende Psychogramm eines Mannes. Ich versuche, Sihems Tat zu begreifen, und finde keine Rechtfertigung, keine Entschuldigung dafür. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger leuchtet es mir ein.Auch der Leser bleibt ratlos. Dabei lässt Khadra die Seite der Attentäter ebenso zu Wort kommen, versucht ihren Standpunkt nachzuzeichnen, kann ihn aber nicht ergründen. Das letzte Stück auf dem Weg zum Selbstmordattentat bleibt unklar. Die Verzweiflung, die einen auf diesen Weg bringen kann, stellt Khadra gekonnt dar, macht sie greifbarer, seine differenzierte Darstellung hilft nachzuvollziehen, aber nicht zu verstehen. Der Leser kann lediglich seinem präzisen Blick auf das gegenseitige Aufschaukeln zu immer mehr Gewalt folgen. An einer Stelle formuliert Amin den Unterschied zwischen sich und einem Islamisten: Für ihn liegt das Paradies am Ende des Menschenlebens; für mich liegt es am Ende der ausgestreckten Hand. (S. 236)

Die Suche Amins wird teilweise begleitet von zwei Personen: dem Polizeibeamten Naveed Ronnen und der Chirurgin Kim Yehuda. Beide sind Beschützer und Beistand. Zum Glück bleibt es bei der sensiblen Freundin und es entwickelt sich keine Romanze, welche meines Erachtens die psychologischen Feinheiten der Geschichte gestört hätte. Amins Fahrten bilden seine Entwicklung ab, quasi die Stufen des Verstehens, wobei seine Rückkehr zu den Wurzeln sein Zur-Ruhe-kommen verdeutlicht.
Das letzte Kapitel verliert leider an Intensität, bevor es zum erschütternden Ende kommt, das eigentlich nur so eintreten kann, wie Khadra es schildert.

Der Autor
Yasmina Khadra, eigentlich Mohammed Moulessehoul, 1955 in Algerien geboren, lebt mit seiner Familie seit 2000 in Frankreich.

Mein Vater pflegte zu sagen:
„Wenn dir einer erzählt, dass es eine erhabenere Symphonie gibt als den Atem, der dich belebt, dann belügt er dich. Er will dir das schönste nehmen, was du hast: die Chance, jeden Augenblick deines Lebens auszukosten. Wenn du vom Prinzip ausgehst, dass derjenige dein schlimmster Feind ist, der Hass in dein Herz zu säen versucht, dann hast du schon das halbe Glück gewonnen. Nach dem Rest musst du dann nur noch die Hand ausstrecken. Und erinnere dich immer daran: es gibt nichts, absolut nicht, was über deinem Leben steht… Und dein Leben steht nicht über dem der anderen.“
Ich habe es nicht vergessen. (S. 106f)

Yasmina Khadra – Die Attentäterin
Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe
Nagel & Kimche, 2006
272 Seiten

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“Es soll hier also darum gehen,

Geschrieben von seitenansicht - 4. März 2009

…wie, wann und warum man liest, und darum, was man liest – um die Art und Weise, wie im Idealfall ein Buch zum nächsten und übernächsten führt, eine papierne Fährte aus Themen und Sinnzusammenhängen. Oder aber es geht darum, wie schwer das Lesen fallen kann, wie Bücher einen nicht packen oder fesseln können, wie unsere eigene Stimmung und die des Buches wie Hund und Katze miteinander kämpfen und man alles andere lieber tun würde, als sich den nächsten Absatz vorzunehmen oder den letzten zum zehnten Mal zu lesen.”

So startet Mein Leben als Leser von Nick Hornby. Und dieser Blog. Welches Motto wäre besser geeignet?

aus: Nick Hornby – Mein Leben als Leser
aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2005

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Hereinspaziert!

Geschrieben von seitenansicht - 3. März 2009

…ich bin zwar noch dabei mich hier einzurichten, aber komm doch schon mal herein, nimm dir einen Keks und schnapp’ dir eins der herumliegenden Bücher. Alles weitere folgt!

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