Klappentext
Es ist der 1. Januar in einem nicht näher bezeichneten Land. Etwas, wofür es kein Beispiel in der Geschichte gibt, geschieht: An diesem Tag stirbt niemand. Und auch am folgenden Tag nicht, und am darauffolgenden. Selbst die Königinmutter, bei der es aussah, als würde sie den Jahreswechsel nicht mehr erleben, verharrt im Sterben. Der Tod streikt, so eine Reporterin. Die Regierung scheint entschlossen, den sich anbahnenden demographischen Problemen die Stirn zu bieten; die katholische Kirche ist in ihren Grundfesten erschüttert, denn ohne Tod keine Auferstehung. Die Gesellschaft spaltet sich: einerseits die Hoffnung, ewig zu leben, andererseits der Schrecken, nie zu sterben. Eines Tages findet der Direktor des nationalen Fernsehens einen Brief auf dem Tisch (der Umschlag ist violett, offenbar von einer Frau beschriftet), von dessen Inhalt er umgehend den Ministerpräsidenten in Kenntnis setzt…
Der erste Satz
Am darauffolgenden Tag starb niemand.
Meine Meinung
Saramago gehört zu meinen Lieblingsschriftstellern, und auch dieses Mal hat er mich nicht enttäuscht. Was wäre, wenn niemand mehr sterben würde? Dieser Frage geht Saramago nach, er folgt der anfänglichen Euphorie, der einsetzenden Ernüchterung, den Diskussionen in Politik, Kirche und Gesellschaft. Er zeigt, dass die Wirtschaft, allen voran Bestattungs- und Versicherungsunternehmen sowie die Mafia, erfinderisch mit der neuen Situation umgeht, Krankenhäuser und Pflegeheime hingegen vor ungeahnten Problemen stehen. Und als dann der Tod – oder besser: die tod, denn der portugiesische Tod ist eine Frau und nur einer unter vielen - zurückkehrt scheint das Chaos perfekt zu sein.
Trotz des gewohnt eigenen Stils mit langen, verschachtelten Sätzen und ohne Redezeichen ist Eine Zeit ohen Tod sehr flüssig lesbar. Das Thema ist gewohnt sozialkritisch, aber dadurch noch lange nicht gewöhnlich. Saramago beginnt nicht nur mit einer absurden Idee, er schafft es auch immer wieder Wendungen einzubauen, mit denen man nicht rechnet. Über lange Strecken kommt der Roman ohne Protagonisten aus, erst im letzten Drittel ändert sich das, ohne mir vorher negativ aufzufallen. Zwar fokussiert Saramago in einzelnen Episoden auf bestimmte Personen, im Wesentlichen dreht sich die Handung aber um Gruppen, aus denen einzelne Redner herausstechen. Die abstrakte Situation wird aufgelockert duch Einzelschicksale, die Saramago sich als Erzähler durchaus erlaubt zu kommentieren. Zu guter Letzt liefert uns Saramago eine offene Geschichte. Nicht nur das Ende bleibt offen, auch innerhalb der Erzählung gibt es Stränge, die ins Leere laufen. Doch gerade das passt zu der Ratlosigkeit, die angesichts der neuen Situation herrscht, zu dem Zustand zwischen Freudentaumel und Entsetzen.
Ein einfach wunderbares Buch.
Der Autor
José Saramago wurde 1922 im portugiesischen Ribatejo als Sohn einer Landarbeiterfamilie geboren. Ursprünglich gelernter Maschinenschlosser knüpfte er ab 1955 literarische Kontakte. Ab 1968 wurde er verstärkt politisch tätig und trat 1969 in die (verbotene) kommunistische Partei ein. Er arbeitete als Journalist und Übersetzer, seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Neben zahlreichen Auszeichnungen erhielt er 1998 den Nobelpreis für Literatur, seine Werke sind in 26 Sprachen übersetzt. José Saramago lebt heute auf Lanzarote.
José Saramago – Eine Zeit ohne Tod
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
Rowohlt, 2007
256 Seiten

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